Paläontologie

Stumme Zeugen einer Klimakatastrophe des Erdmittelalters

In der karnischen Krise veränderte sich das Leben massiv.
In der karnischen Krise veränderte sich das Leben massiv.NHM
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Vor mehr als 230 Millionen Jahren herrschte auf der Erde ein Treibhausklima, dessen Folgen in Teilen Österreichs an Fossilien und Gesteinen ablesbar sind. Ein internationales Forschungsteam dokumentiert diese Spuren von Klimawandel und Ökogemeinschaften.

Trotz massiver Regenfälle Grabungen im steirischen Ennstal durchzuführen, zählt für Alexander Lukeneder zu den Wettererlebnissen, die seinen wissenschaftlichen Alltag ausmachen. „Ich komme gerade aus der karnischen Krise Großreiflings“, sagt der Paläontologe. Er spielt damit auf den Starkregen vor zwei Wochen an, der ihn im Naturpark Eisenwurzen ein wenig an die erdgeschichtliche karnische Phase erinnert habe. „Auch zu dieser Zeit haben ja monsunartige Regenfälle das Klima bestimmt.“

Tatsächlich war das Karnium, das im Deutschen auch „Karn“ genannt wird und der späten Trias-Periode zuzuordnen ist, von einer weltweiten Klimakrise geprägt. Sie wird in der Fachwelt als Karnische Krise bezeichnet und ereignete sich im Zeitraum von vor 234 bis 232 Millionen Jahren. Es handelte sich also um einen Prozess von der Dauer von zwei Millionen Jahren. Deshalb sei der englische Begriff „Carnian Pluvial Episode“ eigentlich passender als der deutsche Ausdruck „Krise“ oder gar Event, der eher ein einzelnes Ereignis assoziieren lasse. Rund ein Drittel der Meeresgattungen sei infolge der Karnischen Krise ausgestorben, sagt Lukeneder.

Der Paläontologe des Naturhistorischen Museums Wien erforscht in einem dreijährigen Projekt und im regen Austausch mit Forschenden aus Polen, Frankreich, Italien, den USA und anderen Ländern die Relikte der Karnischen Krise in Österreich. Sie finden sich in einer schmalen geologischen Zone der Kalkalpen, die vom niederösterreichischen Mödling im Osten bis zum steirischen Großreifling im Unesco-Geopark Steirische Eisenwurzen im Westen reicht.

Faszinierende Funde

In den Gesteinen des Reiflinger Beckens etwa wurden zahlreiche Ammoniten, Tintenfische, Muscheln, Schnecken, Krebse, Borstenwürmer, verschiedene Fische sowie ein Lungenfisch der späten Triaszeit gefunden. Weltweit erstmals konnten hier auch Tintenfischknorpel nachgewiesen werden. Diese ungewöhnlich diverse Fauna aus der Zeit des Erdmittelalters sei inzwischen von seiner Abteilung gut dokumentiert. Die Publikationen zur österreichischen Konservat-Lagerstätte hätten schnell viel internationale Aufmerksamkeit erregt, so Lukeneder. Die Funde seien vor allem deshalb für die Fachwelt interessant, weil sie aufgrund spezifischer natürlicher Gegebenheiten in einem fantastischen Erhaltungszustand seien. Ihre Qualität ermöglicht, neue Erkenntnisse über die Lebensgemeinschaften im Ozean des Erdmittelalters zu gewinnen.

Die abgestorbenen Meereslebewesen der karnischen Phase wurden am Meeresboden im Schlamm eingebettet. Der Sauerstoff war knapp, was zu besonders guten Bedingungen für die Erhaltung führte. Der Schlamm, der die Riffe ersticken ließ, bildete sich aufgrund der heftigen Niederschläge der Karnischen Krise, die einem damals auf der Erde herrschenden Treibhausklima geschuldet waren. Dessen Ursache wiederum waren Vulkanausbrüche gigantischen Ausmaßes, die enorme Mengen des Treibhausgases CO2 in die Atmosphäre ausstießen. „Es war ein Vulkanismus in Kanada und Alaska, dessen Ablagerungen 3000 Meter dick waren. Der daraus entstehende Treibhauseffekt bewirkte eine Regenzeit, durch die massiv tonige Sedimente ins Meer gewaschen wurden“, sagt Lukeneder. „Den Meeresspiegelanstieg hätten viele Arten problemlos ausgehalten, nicht aber das Zugedecktwerden durch den Schlamm.“

Arten sterben aus, neue kommen auf

Klimakrisen sind für unseren Planeten also nichts Neues. Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan, die Wärme absorbieren und ihre Abstrahlung ins Weltall verhindern, lösten in der Erdgeschichte immer wieder das Aussterben von Arten aus, aber auch das Aufkommen neuer Arten. Der Unterschied zum menschenverursachten Klimawandel unserer Zeit liege in der Geschwindigkeit, sagt Lukeneder. „Ich bin kein Klimatologe, aber ich kann das an den Fossilien ablesen. Der Erde selbst ist es egal, aber die Lebewesen werden ein Problem haben. Das, was sich damals innerhalb von Millionen von Jahren abgespielt hat, haben wir in 50 Jahren gemacht. Definitiv viel schneller, als die Natur Schritt halten kann.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2023)

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