Um die Zukunft der Denim-Mode zu erörtern, trafen sich Experten und Industrievertreter am Rand der Berliner Modewoche. Fragen gab es zuhauf, konkrete Strategien kaum.
Laut ehrgeiziger Eigendefinition zählt die Berliner Modewoche im weltweiten Vergleich zu den wichtigsten Veranstaltungen dieser Art. Um langfristig ähnliche Bedeutung einnehmen zu können wie die Platzhirsche der Branche, bedarf es aber markanter Alleinstellungsmerkmale, die Business-Einkäufer anziehen. In der Stadt an der Spree, die bekanntlich mehr sexy als reich ist, defilieren kaum große Luxusmarken; was sie interessant macht, ist ihre Positionierung im Casual- und Denimsegment. Als eine der größten Jeansmessen der Welt zieht ja die Bread & Butter ein Fachpublikum von Rang an. Am Rand der Veranstaltung lud das Magazin „Sportswear International“ zum prominent besuchten „Denim Day“, auf dem das „quo vadis“ der Jeansmode erörtert wurde. Themen gab es genug, konkrete Impulse nicht im Übermaß.
Wer soll das bezahlen? Natürlich ging es auch darum, zu besprechen, welche Trends (die anglophile Palette: von Metal Culture über Hobo-Chic bis Camouflage) auf die Branche zukommen. „Wir befinden uns im neuen Jahrtausend, und ich möchte etwas Neues schaffen, nicht nur die Ästhetik vergangener Jahrzehnte reproduzieren“, meinte der bekannte französische Modemacher François Girbaud in einer Diskussion über alternative Produktionsmethoden. „Es ist an der Zeit, eine neue Seite im Buch aufzuschlagen.“
Das trifft für Innovationen mit Auswirkungen im Bereich der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit zu; das ist zugleich ein Muss für die gesamte Branche, auch jenseits der reinen Jeansmode. Auf allen Ebenen und in allen Marktsegmenten ist man nämlich mit einer neuen Herausforderung konfrontiert.
Ähnlich anderen Rohstoffen ist die Baumwolle zuletzt empfindlich teurer geworden: In den letzten zwölf Monaten verdreifachte sich der Preis nahezu. Der Grund mögen Spekulationsgeschäfte mit Rohstoffen sein, wie sie vor wenigen Tagen von Nicolas Sarkozy angeprangert und für Preisexplosionen verantwortlich gemacht wurden, oder auch einfach Ernteausfälle in klimatisch exponierten Regionen. Was am Ende zählt, ist die Preisentwicklung, und von ihr können sowohl die Betreiber von Baumwollmühlen als auch Labelbetreiber ein Lied singen.
„Angesichts der Entwicklung des Baumwollmarktes haben Stoffproduzenten und Brands immer weniger Spielraum bei der Berechnung ihrer Gewinnmarge“, kommentierte Gulperi Erkanli von der türkischen Marke Bossa Denim. Überzeugt davon, dass nur reine Baumwollstoffe für ein Produkt mit authentischem Charakter infrage kommen, sah sie die Situation als kritisch an: „Wenn wir die Preissteigerungen an die Endkunden weitergeben, und daran führt kein Weg vorbei, tut unser Produkt gut daran, durch seinen innovativen Charakter die Preissteigerung zu rechtfertigen.“
In dieser grundsätzlichen Überzeugung waren sich dann die meisten Anwesenden einig. Worin genau der zukunftssichernde Charakter des Innovativen bestehen könnte, darüber schwieg man sich weitgehend aus.
Regionale Produktion. Über die Tatsache, dass in Fernost ernstzunehmende Mitbewerber auf den Plan treten, wird keine große Verwunderung herrschen. Eine Strategie, auf den Wettbewerb zu reagieren, liegt für Andey Dunkeley von Lee Cooper in einer teilweisen Rückverlagerung von Produktionsschritten. „In China ändern sich die Regeln fast jeden Tag, in Indien ist es ähnlich. Schon darum müssen wir die Produktionskette aufspalten, nicht mehr alles in Fernost produzieren.“ Durch viel beschworene Entschleunigung oder „Regionalisierung“ von Produktionsschritten lässt sich nicht nur mehr Kontrolle einzelner Schritte, sondern auch zusätzliches Kapital für eine Marke gewinnen.
„Der Markt verlangt nach besseren Produkten“, kommentierte Augusto Romano von Meltin' Pot. „Da liegt auch die Chance für uns, die Preise zu erhöhen.“ Bleibt nur zu hoffen, dass den Anbietern nicht jedes Argument recht ist, um die Preise auf ein ihnen genehmes Niveau zu hieven.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2011)