Eine Hassliebe. Wo der vor 150 Jahren geborene Begründer der Psychoanalyse in Wien lebte und arbeitete, welchen Einfluss die Stadt auf seine Arbeit hatte und wie er sein zwiespältiges Verhältnis zum "geliebten Gefängnis" sah.
Es ist ein Elend, hier zu le ben", schrieb Sigmund Freud über seine Rückkehr von einer Reise nach Wien. "Ich bin kaum drei Tage hier, und schon hat mich der ganze Mißmut des Wienertums ergriffen." Und dennoch war Freud zutiefst mit der Stadt verbunden.
Denn nur hier, glaubt Inge Scholz-Strasser, Chefin des Freud-Museums, habe die Psychoanalyse erst entstehen können: "Das jüdisch-großbürgerliche Amalgam aus Intelligentia und Geld war Voraussetzung für seine Arbeit." Auch Freud selbst war bewusst, dass Wien für seine Arbeit ein einzigartiges Feld war: "Diese Stadt macht die Seele wund und legt wieder alles bloß."
Freuds Zeit in Wien war stark durch das liberale Judentum geprägt. Im Alter von vier Jahren war der 1856 in Mähren geborene Freud mit seinen Eltern nach Wien gekommen - in den zweiten Bezirk, "damals ein klassisches Zuzugsgebiet für Juden aus dem Osten", so Scholz-Strasser.
Bis 1882 lebte er in der Leopoldstadt, ehe er eine Stelle im Allgemeinen Krankenhaus antrat, später ließ er sich als Arzt nieder. Diese Tätigkeiten übte er mehr aus Geldmangel denn aus eigenem Wunsch aus, denn viel mehr war er an wissenschaftlicher Forschung interessiert. Doch seine Bemühungen um eine Professur schlugen lange Zeit fehl. Und doch blieb er trotz Überlegungen, in einer anderen Stadt Karriere zu machen, weiter in Wien.
1891 zog er in die Berggasse 19, wo er insgesamt 47 Jahre lang lebte und arbeitete. Hier begann seine Glanzzeit, hier entwickelte er die Grundlagen für eine neue Wissenschaft vom Menschen. Neben den Patienten gingen zahlreiche Kollegen und Weggefährten ein und aus. So tagte hier etwa die Mittwochs-Gesellschaft, die Vorläuferorganisation der "Psychoanalytischen Vereinigung". Letztere kam später regelmäßig im Caf© Korb zusammen.
Freuds Spuren finden sich nicht nur nahe des Zentrums. Vor allem der 19. Bezirk war für ihn wichtig - besonders der Wienerwald, wohin er mehrmals aus der Stadt flüchtete und sein Sommerquartier aufschlug. Hier hatte er auch den entscheidenden Impuls für die "Traumdeutung": Als er 1895 den Sommer im Schloss Belle Vue am Cobenzl verbrachte, konnte er erstmals einen seiner Träume als Wunscherfüllung entschlüsseln.
Die wohl schwierigste Zeit für Freud brach 1895 mit dem Wahlsieg von Karl Lueger an, der ein Schlag für die liberale Gesellschaft war - gefolgt vom Tod seines Vaters 1896. Im Klima des zunehmenden Antisemitismus lebte der bekennende Atheist seine jüdische Identität nur noch in der B'nai B'rith, einer jüdischen Loge, aus.
Und doch konnte er im rauer gewordenen Klima mehrere Hauptwerke herausbringen, darunter die "Traumdeutung", deren Publikation als Beginn der Psychoanalyse betrachtet wird. Und die lang ersehnte Professur an der Universität wurde 1902 Wirklichkeit.
Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Wien 1938 beschloss er, Österreich zu verlassen. Und doch war der Abschied von der Stadt, die ihn nicht immer gut behandelte, ein zwiespältiger. So schrieb er im Londoner Exil: "Das Triumphgefühl der Befreiung vermengt sich zu stark mit der Trauer, denn man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt."