Kann Polit-Propaganda künstlerisch wertvoll sein?

Lang Lang spielt Antiamerikanisches im Weißen Haus, András Schiff will nicht in einem von Viktor Orbán geführten Ungarn musizieren.

Der Pianist Lang Lang musizierte anlässlich des Besuchs des chinesischen Präsidenten im Weißen Haus in Washington und wählte unter anderem ein Stück aus einem antiamerikanischen Film aus der Zeit des Koreakriegs. Er hätte die Klaviertranskription des Liedes „Mein Heimatland“ nur aufgrund der musikalischer Qualität ausgewählt, verkündete Lang Lang. Es sei einfach „gute Musik“.

Womit er einen heiklen Punkt in der Rezeptionsgeschichte berührt, denn wie viel gute Musik wird aufgrund ihrer politischen Konnotation nicht aufgeführt? Aktuell zum Liszt-Jahr: Warum erklingt ein Werk wie die Tondichtung „Les Préludes“ so gut wie nie in unseren Konzertsälen? Weil die NS-Propaganda die C-Dur-Fanfare daraus als „Siegesmelodie“ vor die Radiomeldungen vom Ost-Feldzug stellte. Missbrauch, so zeigt sich da, desavouiert den Missbrauchten.

„Les Préludes“ ist, musikhistorisch betrachtet, eine der bedeutendsten symphonischen Arbeiten des 19. Jahrhunderts. Aber nach 1945 ist nichts mehr musikhistorisch zu betrachten. Auch nicht Musik eines menschlich integren Meisters wie Liszt.

Dass man sich etwa in Israel wehrt, Musik von Richard Wagner aufzuführen, erklärt sich immerhin nicht nur aus der missbräuchlichen Verwendung von dessen Werken in der Zeit der Hitler-Diktatur, sondern auch aus dessen unverhohlenem, gallbitteren Antisemitismus. Da mögen sich Musiker wie Daniel Barenboim oder Zubin Mehta noch so sehr darauf berufen, Wagner hätte doch wahrlich „gute Musik“ komponiert. Wobei die Glaubwürdigkeit von jemandem, der auf die Qualität des „Tristan“-Vorspiels verweist, jedenfalls allseits gegeben sein dürfte . . .

Dass das Musikmachen eine eminente – und weithin ausschließlich positiv konnotierte – politische Dimension haben kann, demonstriert Daniel Barenboim übrigens im Nahen Osten gern und mit stupendem Erfolg: Wenn er mit seinem aus jungen Musikanten der Region gebildeten „West Eastern Divan“ Orchester auftritt, dann sitzen Israeli und Palästinenser einträchtig nebeneinander, spielen Musik von Beethoven bis Schönberg.

Ein Akt des politischen Widerstands ist auch der Protest, den ungarische Musiker derzeit in Interviews gegen die gewählte Regierung in ihrem Heimatland artikulieren. András Schiff will nicht mehr in Ungarn auftreten, solange die derzeitige Führung an der Macht ist. Freilich, die international wirkungsvolle Geste straft all jene Ungarn, die vielleicht Schiffs politische Meinung teilen, ihn aber gerade deshalb gern auch als Kulturträger hie und da auch zu Hause hören würden. Kunst setzt ja auch Signale nach innen – ein heikles Feld, wie die Diskussion um Künstler lehrt, die auch in ärgsten Krisenzeiten nicht ins Exil gehen. Kollaborateure allesamt?

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2011)

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