„Die Korruption hat uns vor dem Tod gerettet“

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Exilschriftsteller Norman Manea über echte und falsche Revolutionen, Menschen, die dumm genug für den Kommunismus waren, sowie über die tiefe kulturelle Spaltung, die sein Heimatland immer noch prägt.

Die Presse: Sie haben in Rumänien Diktaturen und Revolutionen erlebt. Wie bewerten Sie die Entwicklung in Ägypten und der islamischen Welt?

Norman Manea: Es besteht die große Gefahr, dass sich Ägypten ähnlich wie der Iran 1979 entwickeln wird. In Tunesien scheint die Veränderung vernünftig abzulaufen, das Land ist ziemlich europäisch, aber in Ägypten kann es schlimm werden.

 

Wie ist der Vergleich mit 1989?

1989 hat es in Rumänien einen hysterischen Enthusiasmus gegeben. Man tanzte auf der Straße, als der Diktator Nicolae Ceauşescu getötet worden war. Ich sah das in New York im TV. Obwohl ich ihn überhaupt nicht mochte, hatte ich ein ungutes Gefühl. Es sah aus wie ein stalinistischer Prozess. Er durfte nicht Stellung nehmen zu dem, was er uns angetan hatte. Und was ist daraus geworden? Erst gab es eine neue Nomenklatura. Und jetzt nach 20 Jahren sollen 70Prozent der Rumänen Nostalgie für den Kommunismus empfinden. Es ist menschlich zu vergessen, aber diese Paradoxie sagt viel über die heutige Situation aus. Die Unzufriedenheit der Leute steigt.

1941 bis 1945 haben Sie in der Nazizeit als Kind ein Todeslager überlebt.

Das Überleben in dem Lager in Transnistrien habe ich meinen Eltern zu verdanken. Es gab, so wie immer in Rumänien, eine Ambiguität. Nichts ist bei uns klar. Die Korruption hat uns vor dem Tod gerettet. Anders als die deutschen konnte man rumänische Offiziere schon dazu bringen, einen zu verschonen. In unserem Land gab es nicht Auschwitz. Die meisten starben nicht durch gezieltes Töten, sondern durch Hunger. 50Prozent der Juden haben überlebt.

Und dann kam der Kommunismus.

Der galt für uns anfangs als Hoffnung. Slogans wie Fortschritt und Brüderlichkeit waren für ein Kind wie mich ein wunderbares Märchen. Ich war verliebt in diese Ideen und ein sehr pathetischer Kommunist. Weil ich aber nicht dumm war, erkannte ich sehr bald, was wirklich geschieht. Es gab Juden, die kindisch genug waren, Kommunisten zu werden. Man sagt, die Juden seien klug, aber einige sind eben auch Idioten. In Rumänien gab es ganz tief drinnen traditionellen Antisemitismus. Die Slogans gegen ihn blieben oberflächlich. Schließlich etablierte sich eine Mischung aus Nationalismus und Kommunismus. Der schwerste Vorwurf gegen einen Schriftsteller lautete: Er ist ein Kosmopolit, er ist Teil einer Konspiration. Da wurde es auch für Juden schwerer. Israel bezahlte für ihre Ausreise. Das war praktisch für alle.

Sie haben Rumänien erst 1986 verlassen. Dann zögerten Sie lange, Ihre Heimat nach 1989 zu besuchen, wie Sie 2003 im Selbstporträt „Die Rückkehr des Hooligan“ beschreiben. Warum?

Das ist ein schwer erklärbarer Widerspruch. Ich konnte Rumänien als Jude verlassen, das war fast immer möglich. Aber ich fühlte mich als rumänischer Schriftsteller, obwohl ich dort nicht sehr glücklich war. Niemand war das, nicht einmal unser großer Führer. Dann ging ich im letzten Moment fort. Zuvor hatte ich die ganze Zeit mit etwas Mühe veröffentlichen können. Die Behörden zensurierten, aber nicht allzu viel. Das gehört eben zu unserem Byzantinismus in Rumänien. Man arrangiert sich.

 

Was war der stärkste Grund fürs Exil?

Wenn dein Haus brennt, gehst du raus, auch wenn du nicht weißt, wo du morgen schlafen sollst. Ich hatte an sich keine Hoffnung im Westen, es war dann auch wirklich nicht einfach. Nach der Revolution wollte ich zurück, aber Freunde warnten mich. Die Situation war sehr unklar, dann kam ein verrückter alter Nationalist an die Macht. Als ich in den USA einen kritischen Artikel über den Philosophen Mircea Eliade und seine Verbindung zur rechtsradikalen Eisernen Garde im Krieg schrieb, gab es eine sehr lange und dumme Kampagne gegen mich in Rumänien. Ich fühlte mich plötzlich als ein Fremder. Zurückgekehrt bin ich erst, als es mir gleichgültig wurde.

Sie leben seit mehr als 20 Jahren in den USA, unterrichten am Bard College europäische Kulturgeschichte auf Englisch. Warum sind Sie in der Literatur dem Rumänischen treu geblieben?

Ich war 52, als ich in die USA kam. Man kann in diesem Alter die literarische Sprache nicht mehr ändern. Nabokov und Conrad sind ganz besondere Fälle, die haben Englisch früh gelernt. Kundera ist von Tschechisch auf Französisch gewechselt, nachdem er 30 Jahre lang übersetzt hatte. Viele sagen, das war für ihn eine schlechte Entscheidung. Ich schreibe Essays, Liebesbriefe auf Englisch, aber in der Literatur braucht man die innere Sprache, nicht die gelernte.

War es richtig, Rumänien in die Europäische Union aufzunehmen?

Es ist für Rumänien wichtig dabei zu sein, aus dem russischen Einflussbereich herausgekommen zu sein. Dieses Land ist noch immer tief gespalten, die Wurzeln sind lateinisch, aber auch orthodox. Die Provinzen, die unter der Herrschaft der Habsburger waren, passen dazu, die anderen Teile sind noch immer eine ganz andere Zivilisation. Für die EU ist das eine Last, ein armes Balkanland mit komplexen Strukturen.

Lesung in Wien

Diesen Mittwoch, am 2.Februar,ist Norman Manea um 18Uhr im Rumänischen Kulturinstitut in Wien zu Gast. Erwin Steinhauer liest aus dem Erzählband „Oktober, acht Uhr“ und aus „Die Rückkehr des Hooligan“, Manea (*1936 in Suceava) gibt eine Lese-Kostprobe auf Rumänisch.
Ort:
Argentinierstr.39, Tel: 3191081

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2011)