Am Donnerstag nimmt Johannes Prinz mit dem Chor im Konzerthaus die letzte technische Hürde, die heikle und daher rare e-Moll-Messe. Drei Vertonungen des Ordinariums-Textes hat der große Symphoniker vorgelegt.
Eine Messe von Anton Bruckner. Das klingt harmlos. Drei Vertonungen des Ordinariums-Textes hat der große Symphoniker vorgelegt. Die mittlere, für gemischten Chor und Bläser in e-Moll, führt Johannes Prinz mit seinem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde morgen, Donnerstag, im Wiener Konzerthaus auf. Und was so vergleichsweise selbstverständlich klingt, ist eine der größten Herausforderungen, die ein Chorleiter seinen Sängern zumuten kann.
„Ich habe es meinem Chor in den vergangenen 20 Jahren nicht erlaubt“, sagt Prinz, der mit der Aufführung der e-Moll-Messe sozusagen in den Olymp vordringt: „Die vorletzte Hürde, die wir genommen haben, waren die ,Quattro Pezzi sacri‘ von Verdi.“
Nun die Bruckner-Messe, die deshalb so teuflisch schwer ist, weil der Komponist manche Sätze ohne Instrumentalbegleitung beginnen lässt. Die Sänger sind ganz auf sich selbst und ihr Gehör angewiesen. Die Chance, dass – notabene bei Bruckners harmonisch reicher Tonsprache – die Intonation nach einigen Takten nicht mehr ganz stimmt, ist hoch. Wenn dann die Bläser einsetzen, können sich arge Diskrepanzen ergeben.
Johannes Prinz hat auf diesem Gebiet schon herbe Enttäuschungen erleben müssen. Wobei er als Chorleiter natürlich diesbezügliche Katastrophen „kommen hören“ kann.
Keine Angst vorm „Abrutschen“
„Ich liebe Bruckners Messe, aber ich habe schwarze Erfahrungen damit gemacht. Einmal habe ich sie um neun Uhr früh mit einem Jugendchor aufgeführt. Natürlich habe ich genau gemerkt, wie tief wir gesunken waren und habe noch den Bläsern abgewinkt: Nicht spielen. Man kann etwa das Kyrie auch ohne Instrumente zu Ende singen lassen. Aber prompt hat einer der Posaunisten nicht verstanden und sozusagen die Kontrolle vorgenommen. Dann wussten es alle...“
Diesmal hat Johannes Prinz keine Angst. Seine Arbeit mit dem Singverein hat reiche Früchte getragen. Der Chor ist nach übereinstimmender Meinung von Musikfreunden und Kommentatoren so gut wie selten zuvor. Auch Aufführungen der erwähnten „Quattro Pezzi sacri“ mit ihren heiklen A-cappella-Passagen gelangen exzellent.
Und die Proben für Bruckner verliefen sehr zur Zufriedenheit des Maestros. „Wir haben so viele Einzelstimmen-Proben abgehalten wie nie zuvor. Das goutieren die Sänger auch und sind mit Feuereifer bei der Sache.“
Womit der Singverein nach den vielen künstlerischen Erfolgen der jüngeren Vergangenheit morgen Abend so etwas wie die Kür absolviert. Mit einem Werk, das seit seiner Uraufführung berüchtigt ist. Prinz: „Die Erstaufführung zur Einweihung einer Kapelle im Neuen Linzer Dom fand im Freien statt und endete in einem Desaster.“
Dergleichen ist in Wien heutzutage nicht zu befürchten. Im Gegenteil. Die Wiener Chorszene im Allgemeinen und der Singverein im Besonderen haben sich zuletzt glänzend entwickelt, „auch wenn“, wie Prinz sagt, „die Breitenwirkung des Chorgesangs aus schulpolitischen Gründen nicht zunimmt“.
Der künstlerische Anstieg auf der Qualitätsskala, der allseits verzeichnet wird, hat nicht zuletzt mit den Aktivitäten von Johannes Prinz zu tun, der seit seiner Jugend mit dem Chorgesang verbunden ist. „Ich war Sängerknabe und in Wien sofort aktiv drin in der Chorszene, beim Arnold Schönberg Chor und beim Rundfunkchor.“ Erwin Ortner war der künstlerische Ziehvater: „Zu ihm bin ich in den Chorleiter-Kurs geschickt worden.“ Und er hat auf diesem Wege die Veränderungen – im technischen wie im stilistischen Bereich – mitbekommen.
„Ein Stück wie Schönbergs ,Friede auf Erden‘, das vor 30 Jahren noch als unsingbar galt, ist heute nicht mehr nur für Topchöre machbar. Da hat sich viel geändert“, bekennt Prinz, „man merkt das beim Einstudierungsprozess. Man muss auch nur Aufnahmen von früher hören, etwa von Schmidts ,Buch mit sieben Siegeln‘. Ein Stück wie die Wasserfuge aus diesem Oratorium, das man früher gerade noch irgendwie bewältigt hat, kann man heute schon wirklich singen.“
Wobei sich, so Prinz, der Chorgesang weltweit verändert hat. „Man singt heute zum Beispiel sogar in den meisten Opernchören mit viel weniger Vibrato als früher. Dadurch wird vieles im Harmonischen klarer durchhörbar.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2011)