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Der arabische Flächenbrand

Selbstverbrennungen und Massenproteste als letzter Ausweg gegen Diktaturen: Für den Westen ist es längst Zeit aufzuwachen.

Gastkommentar

Die Revolution in Tunesien und der Aufstand in Ägypten haben mit öffentlichen Selbstverbrennungen begonnen. Diese sind in der Geschichte der politischen Proteste bekannt, erreichen in der arabischen Welt aber gegenwärtig Rekordwerte – mit Verzweiflungsaktionen in Tunesien, Algerien, Mauretanien, Ägypten, Saudiarabien, im Jemen und Sudan. Dabei soll die qualvolle Selbstverbrennung die Qual des empfundenen Unrechts – sei es materiell, sei es politisch oder emotional – zum Ausdruck bringen.

Die Bevölkerungen in den diktatorisch regierten arabischen und islamischen Staaten leiden unter dem Mangel an Freiheit, Demokratie und Menschenrechten. Das verursacht nicht nur Unterdrückung, sondern auch Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger.

Die meisten der Regime schalten und walten mit dem kleinen Kreis ihrer gierigen, korrupten Familienclans. Ohne jegliche Kontrolle durch das Volk häufen sie Millionen Gelder in Banken in der ganzen Welt, mit Wissen und Deckung vieler westlicher Politiker.

Seit den Aufständen in Tunesien und Ägypten geht in den arabischen Ländern die Angst um. Denn auch hier gibt es einen breiten, jungen, gut ausgebildeten, aber verarmten Mittelstand, der den Glauben an die Zukunft verloren hat und in den islamischen Fundamentalismus flüchtet, der mit Gewalt im Zaum gehalten wird.

Die Tyrannen und ihre Regime hätten ohne die Unterstützung westlicher Staaten – USA, Großbritannien und Frankreich – nicht Jahrzehnte überdauert. Die Proteste und Selbstverbrennungen sind ein Aufschrei gegen diese Art einer unmenschlichen Politik. Kein Wunder, dass sich die Menschen in den islamischen Ländern vom Westen im Stich gelassen fühlen.

 

Das tunesische Beispiel

Während viele europäische Länder ratlos zusehen, kehrt durch die Revolution in Tunesien und den Aufstand in Ägypten für die Menschen in der islamischen Welt die Hoffnung zurück, diktatorische und korrupte Regime stürzen zu können. Insbesondere die Jugendlichen in den islamischen Ländern lassen sich nicht mehr davon abhalten, mit neuen Protestformen die Regime herauszufordern – sei es durch Selbstverbrennung, sei es durch anhaltende Massenproteste. Trotz des gewaltsamen Gegendrucks der Regime geben die Demonstrationen Anlass zur Hoffnung auf eine demokratische Wende. In Tunesien hat eine Volksbewegung ein autoritäres und korruptes Regime in die Knie gezwungen. Das tunesische Volk hat damit für die ganze islamische Welt ein Beispiel gegeben.

Auch die Menschen anderswo, so etwa in Ägypten, haben jahrzehntelang auf Reformen und die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft gewartet, um der Freiheit, den Menschenrechten, der Demokratie, der wirtschaftlichen Entwicklung und sozialen Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen. Sie brauchen für ihre lang ersehnte Freiheit endlich die echte Solidarität des Westens. Vor allem Europa muss ein Signal an Despoten und Diktatoren senden, dass sie überall verfolgt werden, wenn sie sich über Nacht mit viel Geld und Gold davonstehlen.

Der Westen muss sich entscheiden: für die freien Völker oder die diktatorischen Regime.

Amer Albayati (*1942 in Bagdad) ist Journalist und Islam-Experte; er ist Mitbegründer der Initiative liberaler Muslime Österreich.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2011)