Nein, K.-H. Grasser singt nicht (beim Songcontest)

Der Songcontest war einmal so peinlich, dass er schon wieder hip war. Heute ist er ganz normal. Aber auch er ist kein Schauprozess.

Es ist noch nicht lange her, da war der Songcontest eine Veranstaltung für exaltierte Junggesellenkränzchen, So-peinlich-dass-es-schon-wieder-gut-ist-Vereine und entgleiste Existenzialisten in Tequilalaune. Kaum hat man zwei, drei Jahre nicht hingeschaut, wird er schon ernst genommen, und alle tun, als ob die Entsendung zum Songcontest 1) eine Staatsaffäre und 2) signifikant für den Zustand der (heimischen) Popmusik wäre. (Was, wie Zivilisationspessimisten einwerfen werden, für Staat und Pop kein gutes Zeugnis ist.)

Mir ist das recht, wirklich aufregen kann ich mich nur darüber, dass man allerorten „Song Contest“ statt „Songcontest“ liest. Das ist eine ganz verwerfliche Mode! Das Wienmuseum will „Wien Museum“, das Jazzfest will „Jazz Fest“ heißen, und wartet nur zu, bald wird auf den Speisekarten „Gulasch Suppe“ und „Blunzen Strudel“ stehen. Damit wird eine der schönsten Qualitäten der deutschen Sprache einer läppischen Anbiederung an das Englische geopfert: das Zusammensetzen von Hauptwörtern zu zusammengesetzten Hauptwörtern.

Ein noch akzeptabler Kompromiss ist die Verwendung eines Bindestriches. Einen interessanten solchen fand ich unlängst in einem Zeitungsbericht über das gesellschaftlich relevante Treiben auf dem Jägerball: Von einer „Jagd-Gesellschaft“ las man dort, gemeint war ganz konkret die Gesellschaft der (Möchtegern-)Jäger. Offensichtlich hat sich für dieses Wort die metaphorische Bedeutung – eine Gruppe, die einen (angeblich) Unschuldigen aus unlauteren Motiven verfolgt – schon so etabliert, dass einem braven Redakteur die ursprüngliche Bedeutung schon so ungewöhnlich vorkam, dass er sie originell fand und das durch Setzen eines Bindestrichs ausdrücken musste.

Oft als Objekt einer Jagdgesellschaft im übertragenen Sinn bezeichnet wurden u.a. Kurt Waldheim, Jörg Haider und Karl-Heinz Grasser. Dieser hat sich ja auch dazu verstiegen, sich in einem „Schauprozess“ zu wähnen. Wie peinlich er befragt wird, das konnte man z.B. unlängst in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ sehen. „Jö schau“, dachte sich da wohl mancher, „der fesche Mann, der da sitzt, das ist ja nicht der Schwiegersohn vom Lugner, das ist unser ehemaliger Finanzminister! Der hat sich aber gut gehalten. Und wie schön der spricht! Ja, wieso schickt den denn niemand zum Songcontest?“

Ich hoffe, da wird nichts draus.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2011)

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