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Historiker Götz Aly: Neid war Wurzel des Judenhasses

AUSGRABUNGEN IM KZ EBENSEE: HISTORISCHE AUFNAHME DES AREALS
APA/BOHUSLAV BARTA/ARCHIV KZ-GEDENKST�TTE EBENSEE (Bohuslav Barta/archiv Kz-gedenkst�tte Ebensee)
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Der deutsche Historiker Aly hielt im Wiener Rathaus einen Vortrag über die Gründe des Antisemitismus. "Böses kann auch aus Gutem entstehen", urteilt er.

Nicht Rassenhass war die Wurzel des deutschen Antisemitismus, der schließlich seinen traurigen Höhepunkt im Holocaust fand, sondern schlichter Neid. Diese These vertrat der deutsche Historiker Götz Aly am Mittwochabend bei einem Vortrag im Wiener Rathaus unter dem Titel "Aufstieg, Neid und Judenhass 1880-1933".

Weil die christliche Mehrheit im sozialen Aufstieg des 19. Jahrhunderts mit den bildungshungrigen jüdischen Mitbürgern nicht mithalten konnte, reagierte sie mit dem Phänomen Neid, so der prominente Journalist und Historiker: "Wir denken immer, Böses kann nur aus Bösem entstehen, aber es kann auch aus Gutem entstehen, wie dem sozialen Aufstieg, von dem wir alle profitiert haben."

Im Laufe des 19. Jahrhunderts habe sich in Deutschland wie in Österreich die massenhafte soziale Mobilisierung vollzogen, erklärte Aly. Während die christliche Mehrheit träge und ängstlich auf die Modernisierung reagiert habe, sei es den Juden innerhalb weniger Jahrzehnte gelungen, von der ärmeren, unterprivilegierter Minderheit aufzusteigen und die Mehrheitsbevölkerung zu überflügeln, meinte der Historiker. Als Grund sieht Aly den ungleich größeren Bildungswillen der Juden, die ihre Kinder auch unter größten Opfern in die Schule schickten. "Um 1900 erreichten jüdische Studierende achtmal so häufig mittlere und höhere Bildungsabschlüsse, jüdische Mädchen besuchten gar elfmal öfter weiterbildende Schulen," so Aly. Der Bildungsvorsprung habe dann den sozialen Aufstieg bedingt.

"NS-Täter zu Außerirdischen stilisiert"

Begriffe wie "NS-Ideologien" oder "Rassenwahn" würden die Tatsachen vernebeln und "die Last der Verantwortung auf einen deutschen Sonderweg schieben", so Aly: "Von uns werden die NS-Täter immer zu beinah außerirdischen Exekutoren hochstilisiert." Dabei zeige sich in den antisemitischen Schriften der Zeit der schlichte Sozial- und Konkurrenzneid, erklärte der Historiker.

Diese These erkläre auch, warum der durchschnittliche Deutsche während des Nationalsozialismus selbst zwar nicht gewalttätig gegenüber Juden wurde, aber gegen die Entrechtung der jüdischen Minderheit durch den Staat auch nicht einschritt, so Aly. "Denn der Neid gedeiht bekanntlich im Verborgenen, weil er den Neider in ein schlechtes Licht rückt, sodass dieser den Staat als Täter hinter seinen Gardinen schadenfroh beobachtete," konstatierte der Historiker.

Der Berliner Journalist und Historiker Aly hat zahlreiche Bücher zum Nationalsozialismus und dem Holocaust geschrieben. Zu den wichtigsten Werken des 1947 in Heidelberg geborenen Aly gehören die Bücher "Macht Geist Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens" (1997) sowie "Endlösung. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden" (1995). Für Diskussionen sorgte vor allem sein 2008 erschienenes Werk "Unser Kampf 1968 - ein irritierender Blick zurück". In dem viel diskutierten Buch zog der Alt-68er Parallelen zwischen den jungen Anhängern Hitlers im Jahr 1933 und der Bewegung der 68er.

(Ag.)