Randerscheinung: Lockruf des Lämmervaters

Unsere kleine pädagogische Werkstätte wird derzeit von unheimlichen Nachrichten aus den USA erschüttert. Dort verbreitet die Juraprofessorin Amy Chua in ihrem Buch „Battle Hymn of the Tiger Mother“ unerhörte Erziehungsthesen. Die chinesischstämmige Mutter zweier Töchter behandelte diese in Kindheit und Jugend mit großer Härte, da „Kinder von sich selbst aus niemals arbeiten. Darum ist es entscheidend, sich über ihre Vorliebenhinwegzusetzen“. Sie schildert dann unter anderem, wie eine der kleinen Töchter, die partout nicht folgen will, im Winter bei Minusgraden auf die Terrasse gesperrt wird, bis sie sich fügt. Oder stellt die bemerkenswerte These auf, zwischen Hausübung und Schulball kann nur hin- und hergerissen sein, wer auch zum Schulball gehen darf.

Begründet wird das harteVorgehen mit der Notwendigkeit, sich auf Dauer im richtigen Leben durchzusetzen. Ich möchte diesem Modell mein persönliches gegenüberstellen und es „Der zarte Lockruf des Lämmervaters“ nennen. Wenn bei uns jemand aus dem Haus gesperrt wird, bin ich das. Die Kinder machen meistens (abgesehen von Körperpflege, vernünftiger Ernährung, ausreichend Schlaf, regelmäßigem Schulbesuch und etwas Bewegung) das, was sie für richtig halten – es sei denn, es gelingt mir, sie von etwas anderem zu überzeugen. Was weder beim Gymnasiasten noch beim Volksschüler und schon gar nicht beim Baby allzu oft der Fall ist. Das Ganze ist sicher anstrengender, als wenn die Brut strammsteht wie die Zinnsoldaten. Aber in puncto Selbstbewusstsein, eigenständigem Denken und vor allem Lebensfreude des Nachwuchses scheint der Lämmerväter-Weg zu funktionieren. Ich würde die Tigermutter übrigens gern einmal ein Wochenende mit den dreien allein lassen. Ich hole Frau Chua dann auch am Montag von der Terrasse.

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