Chevrolet feiert heuer 100 Jahre. Straßenkreuzer nach "Bel Air"-Vorbild sind zwar nicht im Programm, dafür die Neuauflage des kompakten SUV Captiva. Im Jubiläumsjahr kommt auch der Camaro nach Österreich.
Wer wie Dr. Kurt Ostbahn vornehmlich auf „57er Chevys und laute Gitarrn“ abzufahren pflegt, wird sich in der heutigen Welt der Marke vermutlich nicht vollständig wiederfinden. Von dieser Seite mögen auch die Glückwünsche zum 100-jährigen Markenjubiläum, das in diesem Jahr ansteht, verhalten ausfallen.
Chevrolet today geht auf das Jahr 2005 zurück, als General Motors beschloss, die Autos der südkoreanischen Tochter Daewoo weltweit unter dem traditionsreichen US-Label zu vermarkten. Ausgenommen blieb der amerikanische Heimmarkt, wo Chevrolet weiterhin als Hersteller eher großer, eher günstiger Straßenkreuzer verfährt, dieser Tage freilich in der Form von Full-Size-SUVs und Pick-ups. Nicht zu vergessen sind der Sportwagen-Haudegen Corvette und das neu aufgelegte Budget-Muscle-Car Camaro.
Schon viertgrößte Marke
Alles zusammengerechnet ergibt das mittlerweile die viertgrößte Marke der Welt, unterm Strich also eine erfolgreiche Bilanz dieser waghalsig anmutenden Konstruktion. Chevrolet lässt sich auf der Welt besser vermarkten als Daewoo. So einfach ist das.
Komplizierter ist schon die Frage, wo die Autos eigentlich entstehen. Antwort: buchstäblich auf der ganzen Welt. Nehmen wir das Kompakt-SUV Captiva, dessen neue Generation wir soeben auf ersten Kilometern testen konnten: Seine Vierzylinder-Benzinmotoren kommen aus China, der V6 aus Australien und der Diesel aus Südkorea. Ein echtes Weltauto also.
Im Fall des Captiva lässt sich die Auswahl verkürzen: Der 258 PS starke, sich aber nicht entsprechend kräftig anfühlende Dreiliter-V6 ist pointless, und auch kleinere Benziner laufen in diesem Fach und in unseren Breiten als Fehlbesetzung.
Das fast 4,7 Meter lange und an den zwei Tonnen Gesamtgewicht kratzende SUV, das dem kompakten Segment nur noch mit Mühe zuzuordnen ist, schreit nach ordentlich Drehmoment und verträglichen Trinkmanieren. Die Aufgabe kommt einem 2,2-Liter-Diesel mit wahlweise 163 oder 184 PS zu, Drehmoment: 350 oder 400 Newtonmeter; sowohl als Handschalter als auch Automatik mit jeweils sechs Gängen zu haben.
Das Aggregat macht in der stärkeren Variante mit 4WD (ab 33.490 Euro) den besseren Eindruck. Nachdrücklich nach vorn gewuchtet, lassen sich Turboloch und die lange Getriebeübersetzung (dies, um bessere Normverbrauchswerte zu erreichen) besser überbrücken. Akustik und Vibrationen sind gut im Griff, alle Motoren entsprechen Euro5.
Wenig Feinschliff
Überland und bei moderater Fahrweise, wie sie dem eher gutmütig-gemütlichen als agilen Auto gerecht wird, kamen wir auf 7,7 Liter im Schnitt. Das lässt im Stadtverkehr nicht unter neun Liter vermuten. Das ist (zumal mit Allradantrieb) passabel, aber natürlich nicht Weltklasse. Weder Start-Stopp-Automatik noch sonstiger Effizienz-Feinschliff findet sich in diesem Auto, dergleichen ist auf dem größten Teil des Weltmarkts (noch) nicht gefragt.
An Platz hingegen mangelt es nicht. Gruften von Stauraum hält die Mittelkonsole bereit, auch in den Türen lässt sich einiges versenken. Der Fußraum in der zweiten Reihe ist reichlich, drei Personen sitzen hinten unbeengt, im Laderaum lassen sich optional zwei weitere Sitze hervorzaubern.
Liegt der Einstiegspreis des Captiva bei 24.990 Euro, so spielt es Allrad erst ab 32.490 Euro für den 163-PS-Diesel.
Die Front des Captiva erinnert nicht unbeabsichtigt an den Chevy Blazer, auch er trug das „Bowtie“- Logo prominent auf dem Kühler.
Was geschieht sonst noch im Jubiläumsjahr? Der Camaro kommt. Amerikas Nummer eins unter den leistbaren Sportcoupés findet endlich regulär ins Land. Der Preis ist noch nicht zu erfahren, nur soviel, dass man der Preiswürdigkeit der Marke treu bleiben will. Die ersten Exemplare kommen im Spätsommer – und nur mit V8. Das ist auch das Stichwort der Corvette. Nach Irrläufen, die die letzten Fans vergrault haben, startet die „Grand Sport“-Vette (bedeutet Look der Z06) ein Comeback: 440 PS zum Aktionspreis.
Ausgleich: das Elektroauto Chevy Volt, dies aber erst ab 2012.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2011)