Auch in Ägypten: „The whole world is watching“

Slogans für Demonstrationen klingen auf Englisch griffiger – weil Englisch eben die Weltsprache ist. Oder liegt es auch an seiner Struktur?

Die Revolution läuft nicht nur über Twitter und Facebook, sondern auch über das gute alte Medium des Transparents, das ja im Wesentlichen eine Tafel aus Leinwand ist. „Mubarak must go“ und „Welcome democracy“, schrieben die Demonstranten in Kairo auf ihre tüchernen Tafeln – auf Englisch, wohlwissend, dass sowohl Mubarak und Hofstaat als auch ihre Mitdemonstranten genauso gut, wenn nicht besser mit ägyptisch-arabischen Slogans bedient wären. Aber die Slogans sind eben „Signale an die globalen Fernsehzuschauer und Leser“, wie Matthias Heine in einem hellsichtigen Essay in der „Welt“ schreibt, und darum sind sie auf Englisch, besser gesagt: auf „Globish“. Darunter versteht man ein vereinfachtes Englisch, das weltweit verstanden wird.

„The whole world is watching“, skandierten Antikriegsdemonstranten 1968 vor dem Parteitag der Demokraten in Chicago. Darum geht's: Die Welt ist unser Zeuge. Wir demonstrieren vor der gesamten Welt. Und dafür ist nur die Weltsprache würdig und recht. Deren Verwendung würde der Kundgebung aber auch dann mehr Würde, mehr Bedeutsamkeit verleihen, wenn von dieser absolut nichts nach außen dränge. Auch Werbeslogans, die sich nur an Menschen richten, deren erste Sprache nicht Englisch ist, kommen auf Englisch besser an. Sie klingen knapper, griffiger, sentenziöser, gültiger. „It's the real thing.“

Das liegt nicht direkt an der relativ einfachen Grammatik des Englischen. Vor 2000 Jahren war eine ganz andere Sprache die „Weltsprache“: Latein ist im Gegensatz zu Englisch eine hochgradig synthetische Sprache, sie packt viel mehr in ein Wort, das sie dafür nach Kräften beugt. „Mutabor“, der Ausruf des Kalifs in Hauffs Märchen, muss man auf Englisch als „I will be transformed“ übersetzen: vier Wörter statt einem. „I will change“ heißt nicht genau dasselbe, aber es illustriert: Englisch ist trotz seiner Armut an Flexionen eine vergleichsweise knappe Sprache. Das merkt man, wenn man einen englischen Text auf Deutsch übersetzt: Er wird länger.

Der Reiz des Sentenziösen verführte gewiss auch viele nicht mit Latein als Muttersprache aufgewachsene Bürger des Römischen Reichs dazu, ihre Graffiti auf Lateinisch zu kratzen. Und noch Max Brod erzählt in „Beinahe ein Vorzugsschüler“, wie er ein Liebesgeständnis auf Lateinisch in die Schulbank ritzte, weil ihm das „ewiger“, „allgemeingültiger“ vorkam.

Wird man in 20 Jahren noch „I love you“ kritzeln? „LOL“ ins E-Mail schreiben? „F**k“ fluchen? Oder sollte man sich schon überlegen, wie gut geeignet Mandarin für Slogans ist? Dieser Sprache steht (noch) die schwierige Schrift im Wege. Auch die bravsten Wiener Maoisten lasen die Worte des Vorsitzenden nicht in chinesischen Zeichen; und selbst wer weiß, was Revolution auf Chinesisch heißt („biàngé“ oder „gémìng“), kann es noch lange nicht aufs Transparent schreiben.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2011)

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