Charlie Sheens Eltern, Schauspieler Martin Sheen und Jane Templeton, wollen ihren 45-jährigen Sohn angeblich entmündigen lassen. Dessen Image ist trotz der Anzahl der Skandale nicht ramponiert. Im Gegenteil.
Eine erstaunliche Erkenntnis aus den immer wieder erstaunlichen Eskapaden des Charlie Sheen lautet: Der Mann kann machen, was er will (und er macht viel!) – in der öffentlichen Wahrnehmung bleibt er der „coole Onkel Charlie“. Wird Sheen wie in der Vorwoche nach einem mit Pornodarstellerinnen, Alkohol und Kokain zelebrierten 36-Stunden-Partymarathon ins Spital eingeliefert: Der coole Onkel Charlie hat halt wieder einmal wild gefeiert. Muss Sheen daraufhin auf Entzug und stoppt dadurch die Dreharbeiten an seiner TV-Serie „Two and a Half Men“ (auf Deutsch: „Mein cooler Onkel Charlie“): Irgendwie cool, dieser Charlie.
Nun ja, irgendwie. Seine Eltern, Schauspieler Martin Sheen und Jane Templeton, dürften vom ausschweifenden Lebensstil ihres 45-jährigen Sohnes genug haben und wollen ihn US-Medienberichten zufolge entmündigen lassen. „Charlies Eltern überlegen, die Vormundschaft für ihren Sohn zu beantragen. Sie wollen alles tun, um sein Leben zu retten“, wird ein sogenannter Insider in der Onlinezeitung „NY Daily News“ zitiert.
Würden sie damit bei Gericht durchkommen, wäre Sheen zwar nicht der erste entmündigte Prominente – Britney Spears etwa steht seit 2008 unter der Vormundschaft ihres Vaters –, wohl aber einer der reichsten: „Two and a Half Men“ ist derzeit die erfolgreichste Comedyserie in den USA, Sheen mit 1,25Millionen Dollar Gage pro Folge der am besten bezahlte Serienschauspieler. Was sich so schnell nicht ändern dürfte: 2010 hat er für zwei weitere Staffeln unterschrieben.
Spätestens im März will Sheen, der seine diversen Süchte derzeit zuhause (und nicht in einer Rehaklinik) zu therapieren versucht, wieder vor der Kamera stehen, ließ er über sein Management ausrichten. Schon vor ziemlich genau einem Jahr konnte die Serie nicht weiterproduziert werden, weil ihr Protagonist wieder einmal auf Entzug war. Auch jetzt hat Sheen mit seiner jüngsten Affäre Dutzende Mitarbeiter auf Zwangsurlaub geschickt. Acht Folgen der aktuellen Staffel stehen noch aus, der Sender CBS muss ab übernächster Woche auf andere Serien zurückgreifen und dadurch finanzielle Verluste in Kauf nehmen.
Trotzdem gehen CBS und die Produzenten der Serie, Warner Bros., mit Sheens Eskapaden – zumindest offiziell – erstaunlich tolerant um. Vermutlich deswegen, weil das in Medien gerne ausgeschlachtete Leben ihres Hauptdarstellers auch unbezahlbare Gratiswerbung für die Serie ist. Einen Imageschaden durch Sheens nicht gerade jugendfreien (geschweige denn legalen) Lebensstil hat man selbst im prüden Amerika nicht zu befürchten: Denn die Serie hat alle bisherigen Skandale von Hollywoods bad boy unbeschadet überstanden. Als etwa Sheen Ende 2009 seine damalige Frau Brooke Mueller mit dem Messer bedrohte und sie verzweifelt die Polizei rief, brachen die „Two and a Half Men“-Quoten nicht ein. Im Gegenteil. Charlie Sheen verzeiht man sogar Gewalt gegen Frauen – eine kleine Auswahl: Exfrau Kelly Preston schoss er in den Arm, Pornodarstellerin Brittany Ashland schlug er bewusstlos. Öffentliche Reue musste er dafür nie zeigen.
Die Rolle des frauen- und alkoholaffinen Playboys Charlie Harper, so heißt es immer, sei Sheen auf den Leib geschrieben worden. Tatsächlich lässt Sheens eigene Vita sein Serien-Alter-Ego mittlerweile geradezu bieder und brav erscheinen.
Sheen hat sich zwar kürzlich bei seinen Fans für die Unterstützung bedankt. Wirklich nachvollziehen kann er das Interesse an seiner Person aber nicht. „Ägypten ist dabei, bis in den Boden zu brennen“, ließ er dem Internetportal „E! Online“ ausrichten. „Und alles, worum ihr euch kümmert, ist mein Mist. Lächerlich.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2011)