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Der arme Krauterer

Den „Alten König in seinem Exil“ nennt Arno Geiger seinen dementen Vater. Mit großer Behutsamkeit versucht er sich ihm schreibend zu nähern. Entstanden ist keine Biografie, sondern das persönlichste Buch des Vorarlberger Autors.

"Bewegend“ – es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten, um vorherzusagen, dass viele Kritiker auf dieses Adjektiv zurückgreifen werden, wenn sie sich demnächst mit Arno Geigers neuem Buch „Der alte König in seinem Exil“befassen. Nach seinem viel diskutierten Eheroman „Alles über Sally“, der nicht zuletzt den Mann als Stützstrumpfträger in die Weltliteratur einführte, verlässt Arno Geiger nun das fiktionale Terrain und beleuchtet seine eigene Familiengeschichte. Ohne die Absicht zu hegen, bereits eine Autobiografie vorzulegen, konzentriert Geiger sein Schreiben auf den Lebensweg seines Vaters. Sich auf einen Satz Derridas berufend, sieht er sein Buch als Versuch, um „um Vergebung zu bitten“ – um Vergebung für das Unverständnis, das Nichtwissen respektive Nichtwissenwollen, mit dem er seinem Vater jahrelang gegenübertrat.
Diese Haltung änderte sich erst Mitte der Neunzigerjahre, als der damals 70-jährige Vater, August Geiger, an Ausfallserscheinungen zu leiden begann und seine „alltagspraktischen Fähigkeiten“ verlor. Chronologisch immer wieder durch Rückblenden unterbrochen, erzählt „Der alte König in seinem Exil“ von einem langsamen Prozess, der alle Familienmitglieder fordert und dazu zwingt, eine vertraute Person neu zu sehen. Am Ende, im Frühjahr 2009, haben die Geigers eine schwierige Entscheidung zu treffen: Trotz des Einsatzes wechselnder Pflegerinnen kommt man nicht umhin, den Vater in einem Seniorenheim unterzubringen. Sein Sohn Arno besucht ihn, so oft es ihm möglich ist, und schreibt an seinem Buch, das er auf jeden Fall zu Lebzeiten des Vaters veröffentlichen will. August Geiger leidet unter Alzheimer – ein Phänomen, das sein Umfeld anfangs zu ignorieren versucht. Man fordert den Vater, der seit je als Eigenbrötler galt, auf, sich „zusammenzureißen“, sich nicht „gehen zu lassen“. Erst als sich die Symptome häufen und die ärztliche Diagnose eindeutig ist, verändert sich der Blick auf jenen Mann, der „ratund rastlos“ wie ein „alter König in seinem Exil“ durch das Haus irrt.
Arno Geiger widmet sich seinem Vater mit großer Behutsamkeit und versucht schreibend, Nähe zu ihm aufzubauen. Nach und nach entsteht das konturenreiche Porträt eines im Alter aus den Verankerungen des Lebens fallenden Vaters, der sich selbst als „armen Krauterer“ sieht. Immer wieder müht sich der inzwischen zu schriftstellerischem Erfolg gekommene Sohn zu verstehen, was das Leben seines Vaters ausmachte. Er zeichnet nach, wie dieser im August 1944 eingezogen wird und über beschwerliche Umwege aus einem russischen Lazarett in die vorarlbergische Heimat Wolfurt zurückkommt. Eine Urerfahrung des Schreckens, die August Geiger für immer prägen wird.
Die Angst, seine Ursprünge zu verlieren, führt dazu, dass sich der Vater fortan weigert, seinen Wohnsitz zu verlassen. Er lehnt Urlaubsreisen ab, will den eigenen Wurzeln immer nah sein. Diese Beharrlichkeit, die von seinen Kindern als Starrsinn wahrgenommen wird, lässt letzten Endes auch die Ehe mit einer aus St. Pölten stammenden Lehrerin scheitern. Beide sehen bald ein, dass ihr Bund ein Missverständnis ist und die „Dissonanz ihrer Lebensträume“ nicht größer sein könnte. Paradoxer- oder fatalerweise bringt es die Demenz mit sich, dass der ehemalige Gemeindeschreiber August Geiger zuletzt sein Zuhause nicht mehr erkennt und sich von seinem fürsorglichen Sohn nichts mehr wünscht, als dorthin gebracht zu werden, wo er schon ist: „Der quälende Eindruck, nicht zu Hause zu sein, gehört zum Krankheitsbild.“ Obwohl Arno Geiger Anleihen bei anderen Autoren – Milan Kundera, Julien Green, Marcel Proust oder Franz Kafka – macht, um das Erlebte zu durchdringen, bleibt sein Buch auf einer detailgesättigten Ebene, die nicht in die distanzierte Reflexion flieht, die nicht ins Sentimentale abgleitet und die gleichzeitig keine Scheu kennt, zwiespältige Gefühle zuzulassen und dem Vater alle Freundschaft und Liebe dieser Welt nachzutragen. Dass dies glückt, hat nicht zuletzt mit der Fähigkeit des Berichterstatters zu tun, sich selbst zu beobachten und die Geschehnisse in ihrer nicht seltenen Komik zu sehen. „Witz und Weisheit des August Geiger“ nennt sein Sohn dieses Alterskapitel einer Biografie, das sich – ginge es nicht um ein sehr konkretes Leben – als aberwitzig-absurdes Dramolett lesen ließe: „Wie geht es dir, Papa? Also, ich muss sagen, es geht mir gut. Allerdings unter Anführungszeichen, denn ich bin nicht imstande, es zu beurteilen.“
Natürlich weiß Arno Geiger, dass nicht gutzumachen ist, was einst versäumt wurde. Als jugendlicher Rebell warf er dem – keineswegs autoritären – Vater Ignoranz vor und zeigte kein Interesse, dessen Naturell zu verstehen. Jetzt, da der Vater seinen Sohn oftmals nicht mehr erkennt, begreift er Schritt für Schritt, aus welchen kleinen Blockaden und Neurosen sich dieses einzigartige Leben zusammensetzt. Vater und Sohn entwickeln eine neue, sich in fein beschriebenen Gesten zeigende Intimität, obschon sich beide in unterschiedlichen Sphären bewegen: „Es ist eine seltsame Konstellation. Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten. Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest.“ Auf diese Weise erteilt noch der demente Vater seinem Sohn ein „Lehrstück“. Der schleichende Verfall des Kranken führt vor Augen, dass alle Reflexion vor dem Hintergrund menschlicher Sterblichkeit stattfindet. Dadurch erst erhält das Leben seine Würde – eine Erkenntnis, die Arno Geiger schnörkellos festhält: „Der Tod ist einer der Gründe, weshalb mir das Leben so anziehend erscheint. Er bewirkt, dass ich die Welt klarer sehe. Willkommen ist er mir deswegen nicht, ich empfinde ihn als verstörend. Doch da Sterben die unumgängliche Praxis ist, kommt mir die Empörung darüber wie Bellen in der Nacht vor – angesichts des sich aufdrängenden Lebens.“
Am Ende, als August Geiger im Wolfurter Seniorenheim zur Ruhe kommt, beginnt die Familie, sein Haus, den „alten Kasten“, zu entrümpeln. Das Angehäufte in Container zu laden befreit von psychischem Ballast und macht nebenbei deutlich, wie sich das Vorarlberger Leben in den letzten 100 Jahren verändert hat. Schließlich bringt die Entrümpelungsaktion einen überraschenden Fund zutage: ein schmales Heft mit Erinnerungen, die der Vater fünf Jahre nach Kriegsende zu Papier gebracht hat. Staunend liest der Sohn darin und erkennt, wie wenig er vom Leben seines Vaters wusste und weiß. Nicht einmal 200 Seiten umfasst „Der alte König in seinem Exil“, und dennoch ist Arno Geiger damit ein großes und vielleicht sein bedeutendstes Buch gelungen.

BUCHTIPP:
Arno Geiger, Der alte König in seinem Exil, 190 S., geb., € 18,40 (Hanser Verlag, München)