Von Peking zurück auf den Küniglberg: Seit Jänner verantwortet die ehemalige Korrespondentin Cornelia Vospernik die "ZiBs" auf ORF eins. Ein Gespräch über politischen Einfluss und das Haxl-Stellen im ORF.
Angesichts der aktuellen Lage in Ägypten: Zieht es Sie dorthin, an den Krisenherd?
Cornelia Vospernik:Dieses Ereignis ist sicher mauerfallähnlich und kann einen als Journalisten nicht unbeeindruckt lassen. Andererseits ist es auch spannend, rund um so etwas Sendungen zu gestalten. Ich habe jahrelang mit dem Fokus gearbeitet, was ich von außen liefern kann. Jetzt sitze ich in der Zentrale und bestelle Geschichten. Ich glaube, ich kann sehr gut nachvollziehen, wie es den Leuten draußen geht. Ich habe ein Gespür für die Machbarkeit und ein Gefühl dafür, wie viel man jemandem abverlangen kann.
Seit Dezember zurück in Wien haben Sie vor 14 Tagen die neue Position als Chefin der Nachrichten für ORF eins angetreten. Der erste Eindruck?
Ich bin sehr glücklich, ein motiviertes, großteils junges, überschaubares Team zu haben. Die Mannschaft war relativ lange ohne Chef. Auch wenn ORF eins der Kanal ist, bei dem wir über einiges nachdenken müssen: Die Information funktioniert wirklich gut. Es braucht jemanden, der Lobbying für ORF 1 betreibt und für die Information auf ORF 1.
Bisher waren Sie als Korrespondentin regelmäßig vor der Kamera zu sehen. Und jetzt?
Ich schließe nicht aus, dass ich mit meiner außenpolitischen Erfahrung etwas kommentieren werde, wenn es sich anbietet. Aber ich bin nicht nach Wien gekommen, um mir eine Sendung unter den Nagel zu reißen und sie selbst zu präsentieren. Wir haben tolle Moderatoren. Sendungen präsentieren ist ein Knochenjob. Ich halte die ZIB 24 für eine genauso anstrengende Sendung wie die ZIB 2 , sie hat viele Live-Elemente, das heißt man muss im Stande sein, spontan zu entscheiden zu können und wir haben Leute die das können. Es ist etwas anderes als eine voll konzipierte Sendung mit einem riesigen Sicherheitsnetz ohne Live-Elemente. Ich habe selbst eine Zeit lang für Danielle Spera die ZIB 1-Karenzvertretung gemacht. Das war eine sehr interessante Erfahrung, weil man nach vielen Jahren als Journalistin erkennt, dass journalistische Arbeit weniger Aufmerksamkeit erregt als die Frisur, die man gerade hat.
Haben Sie die ZIBs in den vergangenen Jahren verfolgt – etwa im Internet?
Ich habe die TVThek immer wieder genutzt, wenn das Internet funktioniert hat. Manchmal ging es mit der Internetgeschwindigkeit ganz passabel aus dem Büro, zu Hause ging es gar nicht. Ich hatte das Gefühl bei Videos wird in China besonders gebremst.
Wollten Sie nach Wien zurück?
(Lacht) Sagen wir so: Ich war in der glücklichen Situation die Wahl zu haben. Ich hätte auch bleiben können. Ich dachte, vier Jahre sind ein guter Punkt, um das abzuschließen, weil ich nicht wusste, ob ich in zwei Jahren noch die Energie haben würde vom „Morgenjournal“ bis zur „ZIB 2“ durchzuarbeiten. Ich hatte mehr Perspektiven, aber die werde ich nicht aufwärmen. Ich habe das für mich beste Angebot gewählt.
Wie ist der ORF mit Korrespondenten aufgestellt?
Wenn wir bedenken, was für eine kleine Anstalt wir sind, was für ein kleines Land – sind wir gut aufgestellt. Natürlich sind ARD und ZDF personell besser besetzt, aber wir leisten mit unserem Netz nicht weniger als die. Natürlich würde ich mir wünschen, überall Vollbüros zu haben. Aber es ist mir lieber, wir haben Freelancer, die ja ohnehin auch unsere Gesichter sind, als wir haben nix. In der österreichischen Zeitungslandschaft sieht es ja ähnlich aus. Zum Teil teilen wir uns die Korrespondenten ja.
Gibt es bereits Änderungsideen für die Info-Schiene auf ORF eins?
Naja, es ist ja keine Baustelle. Ich sehe meine Aufgabe eher als Feinadjustierung. Es ist wichtig, den Sendungen vermehrt ein eigenständiges Profil zu geben und der Mannschaft die Möglichkeit, vermehrt auszurücken und Geschichten zu machen.
Haben Sie zu einer ZIB einen besonderen Zugang?
Die ZIB 24 ist mit Sicherheit die zentrale Sendung, weil sie die längste ist und die meiste Planung erfordert. Ich will den Gestaltern, die dafür arbeiten, vermitteln, dass es vielleicht nicht so toll ist, wenn ihr Dienst um 16 Uhr beginnt und nach Mitternacht endet, aber dafür haben sie bei uns eine Sendefläche, auf der sie sich ausleben und kreative Zugänge entwickeln können.
Hat es Sie jemals gereizt ins Privatfernsehen zu wechseln?
Nein, eigentlich nicht. Beim Privatfernsehen gelten doch andere Kriterien. Eine Geschichte reißerisch zu machen, ist keine Kunst. Die Kunst ist, eine Geschichte interessant und objektiv zu erzählen. Ich bin eine überzeugte öffentlich-rechtliche Journalistin. Nachrichten im Privatfernsehen – ich weiß nicht. Wenn ich von Kollegen höre, das eine Geschichte dann gepasst hat, wenn die Quoten gepasst haben.
Aber in der politischen Information, etwa bei Talkrunden in der Vorwahlzeit, haben die Privatsender dem ORF zuletzt starke Konkurrenz gemacht.
Wenn Sie über Talkformate reden, sage ich ihnen, dass wir natürlich noch mehr Information in diesem Bereich brauchen und dies auch bereits in Entwicklung ist. Natürlich sollten wir versuchen, auf ORF eins Diskussionen über die Heeresreform oder das österreichische Bildungssystem auf Sendung zu bringen.
Die Aufregung rund um die Causa Dittlbacher/Oberhauser haben Sie noch aus der chinesischen Ferne beobachtet.
Das hätte mich auch nicht betroffen, wenn ich hier gewesen wäre. Ich werde das nicht weiter kommentieren, weil das steht mir auch nicht zu. Ich bin seit etwa 25 Jahren Mitarbeiterin im ORF, ich habe in der Zeit schon ziemlich viel erlebt und man muss bei solchen Dingen bis zu einem gewissen Grad unbeeindruckt bleiben. Ich finde sonderbar, dass in der Öffentlichkeit immer das Bild entsteht, im ORF wäre alle damit beschäftigt, einander Haxln zu stellen. Programm zu machen – wenn über die Medien ein Bild entsteht, als ob im ORF alle nur damit beschäftigt wären, den anderen ein Hacksel zu stellen, finde ich das schon sonderbar. Wir wollen alle nur unseren Job machen.
Auch wenn Herr Dittlbacher und einige andere betont haben, er sei kein Parteijournalist, ist unzweifelhaft, dass er von einer Partei favorisiert wurde. Ist das Pech oder Glück?
Mir ist nicht bewusst, dass mich jemals eine Partei als Liebkind ernannt hätte, was ich sehr erfreulich finde und ich würde das auch nicht wollen. Wenn in der Öffentlichkeit die Vorstellung herrscht, im ORF können nur Menschen arbeiten, die entweder dem einen oder dem anderen Block zugehörig sind, bekommt das eine Eigendynamik: Die Menschen denken ständig, zu wem gehört der oder die. Das finde ich schädlich.
Über Sie denkt man das nicht?
Die Gefahr, vereinnahmt zu werden, ist sicher nicht so groß, wenn man Großteils in der Außenpolitik arbeitet. Aber noch einmal: Ich halte das für eine völlig falsche Wahrnehmung des ORF.
Es gibt also keinen politischen Einfluss auf ORF-Mitarbeiter?
Auf mich nicht. Ich sehe das für mich sehr entspannt. Ich habe vier Jahre ein kommunistisches Regime überlebt. Meine Angst ist wirklich enden wollend. Es ist nicht so, dass ich mich als Gefangene eines Systems fühle.
Wie sehen Sie dann solche Vorfälle, wie die Beschwerde des Kärntner Stiftungsrats per E-Mail?
Zum konkreten Fall kann ich nichts sagen. Dass sich Politiker darüber aufregen werden, wenn im ORF etwas vorkommt, was ihnen nicht passt, ist völlig normal: Dass sie versuchen, im möglichst besten Licht zu erscheinen, ist auch ganz normal. Die machen ihren Job und wir unseren. Und wenn ein Politiker der Meinung ist, er wurde schlecht dargestellt, dann ist das Berufsrisiko.
Wie ist die Stimmung am Küniglberg seit ihrer Rückkehr?
Im Newsroom ist die Stimmung heute besser. Ich empfinde sie zumindest besser als zu dem Zeitpunkt als ich gegangen bin. Ich schätze unseren Chefredakteur, nicht nur seine fachliche Kompetenz, sondern auch die menschliche Art, zu führen.
Für chinesische Journalisten muss sich die Causa Oberhauser niedlich angehört haben.
(Lacht) Schauen Sie: In China werden unkritische Journalisten herangezüchtet. Das sieht man daran, welche Reporter von den hunderten TV-Sendern des Landes zum größten politischen Ereignis, der Tagung des Volkskongresses, geschickt werden: Das sind durch die Bank sehr junge, unerfahrene Mädls gewesen, nicht die erfahrensten. Und auch die Bestechlichkeit der Journalisten ist in China ein großes Thema. Es ist ganz üblich, dass bei Pressekonferenzen ein Kuvert mit rund 20 Euro Taxigeld für den Reporter unter der Pressemappe liegt. Bei mir hat sich einmal der Pressesprecher des Pekinger Opernhauses beklagt, der nur mit uns Ausländern zu tun hatte: „Ich kann euch ja kein Geld geben.“ Ich habe ihm darauf gesagt: „Wir würden es auch nie nehmen“.
Wurde Ihnen jemals Geld angeboten?
Nein, ich kenne aber westliche Journalisten, denen das passiert ist und wo dann ganz komische darauf reagiert wurde, dass sie es nicht nehmen. Was aber üblich ist, dass man bewirtet wird, ein Geschenk bekommt. Und das kann man auch nicht ablehnen, da muss man mitmachen, um arbeiten zu können.
Hatten Sie das Gefühl, dass Ihre Beiträge kontrolliert wurden?
Ich bin davon überzeugt. Ich würde mich sehr wundern, wenn unser Büro nicht abgehört worden wäre. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Bo0tschaften weltweit damit beschäftigt sind, unsere Beiträge zu monitoren. Das hat mich aber nicht übermäßig paranoide gemacht, weil ich sage: Ich bin Journalistin, was ich mache ist ohnehin für die Öffentlichkeit bestimmt. Ich habe da nichts zu verheimlichen. Mir wurde auch nie eine Live-Leitung gekappt. Da ist mir sicher entgegen gekommen, dass ich Journalistin für ein sehr kleines, relativ unbedeutendes Land bin. Die Deutschen haben das schon eher gespürt, als der Dalai Lama empfangen worden ist, hatten sie ziemliche Probleme. Insofern ist es sehr schön für den ORF zu arbeiten – wir sind den Chinesen relativ egal.
Ihre Kollegin Nadja Bernhard wurde in Ägypten kurz verhaftet, immer wieder attackiert. Ist Ihnen das auch schon passiert?
Dass man in solchen Ländern geschnappt wird, auf die Polizeistation geführt wird, der Pass abgenommen wird – sicher ist uns das auch passiert. Wir haben das in China eigentlich immer bis an die Grenze ausgereizt. Wir sind in Urumqui in einer Polizeistube gesessen und sie wollten unser Material anschauen und wir haben gesagt „Nein, ihr seid nicht befugt unser Material zu sehen“ und sie haben es uns tatsächlich nicht abgenommen. Da gehört viel Gespür dazu, wie weit kann man gehen. Wichtig war mir immer, dass wir alle unsere Papiere in Ordnung hatten, die Pressekarte und den Pass immer dabei. In solchen Ländern wird einem aus so etwas schnell ein Strick gedreht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2011)