Sturm auf klassische Musik! Mehr Abo-Konzerte als je

Noch in den Sechzigern gab es im Goldenen Musikvereinssaal Wochen, in denen kein einziges Konzert stattfand. Heute ist das völlig anders.

Es gibt Kometen. Auch unter den Agenturmeldungen. Sie kehren immer wieder. Und sie werden deshalb nicht wahrer. Zu den hartnäckigsten falschen Behauptungen unter den Kulturnachrichten zählt die vom langsamen Sterben der sogenannten „klassischen Musik“.

Das mag für die großen CD-Produzenten stimmen, im Live-Betrieb jedoch ist das Gegenteil wahr. Aber es klingt halt so logisch: Ins symphonische Konzert gehen nur alte Leute. Daher wird es mit den Musikvereinen und Konzerthäusern im guten, alten Europa, wenn es ein hoffentlich ebenso gutes, aber neues Europa geworden sein wird, vorbei sein.

Kein Verweis auf stets volle, notorisch ausverkaufte Konzertsäle wird diese scheinbar so logische Vorstellung ausräumen können. Volle Konzertsäle? Jawohl, und zwar viel mehr volle Konzertsäle als je zuvor.

Ein Blick auf die Zahlen und Fakten auch nur der jüngeren Konzertgeschichte würde reichen, um die Märchen von der mangelnden Salonfähigkeit von Barock, Klassik, Romantik und – mittlerweile auch – früher Moderne als Schimären zu entlarven. Allein der Anstieg des musikalischen Angebots in den (von zwei auf sechs vermehrten!) Sälen, die der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zur Verfügung stehen, belehrt uns eines Bessern.

Noch in den Sechzigerjahren gab es während der Saison Wochen, in denen sogar im Goldenen Saal kein einziges Konzert stattfand. Heute ist der berühmteste Konzertsaal der Welt so häufig bespielt wie nie zuvor. Die Anzahl der Abonnementkonzerte hat sich vervielfacht.

Und sämtliche Aufführungen sind so gut wie ausverkauft. Das gilt ja auch für die Musiktheater in Wien. Eben hat Bundestheater-General Springer die Auslastungszahlen von Volks- und Staatsoper bekannt gegeben, sie liegen für die Volksoper in der Nähe von 90, für die Staatsoper unter der neuen Führung sogar beinah bei 100 Prozent! Auch die Orchester in Deutschland haben jüngst eine Studie veröffentlicht, in der zu lesen ist, dass das Angebot an Konzerten mit Klassik während der vergangenen Jahre auf gleichbleibendem, sogar leicht steigendem Niveau gehalten werden konnte. Von einem Rückgang kann also keine Rede sein.

Wenn Sir Simon Rattle anlässlich seines ersten philharmonischen Abonnementkonzertes in Wien einst witzelte, das schöne an der Philharmoniker-Tradition in dieser Stadt sei, dass auch das Publikum überlebt habe, dann kann man diese saloppe Pointe auch als gutes Omen nehmen: Es stimmt. Wenn heute ein Publikum, das im Schnitt vielleicht 55 oder 60 Jahre zählt, einer Bruckner-Symphonie lauscht, dann waren diese Menschen zu jenem Zeitpunkt, als man begann die Überalterung des Konzertpublikums zu beklagen und das baldige Ende es Musikbetriebs zu postulieren, gerade einmal 25 ...

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2011)

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