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"Zwischenfälle": Viel Spaß mit Andrea Breth

Akademietheater Viel Spass Andrea
Zwischenfälle(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Eine Melange von Miniaturen, nach Texten dreier Autoren, mit dem Russen Daniil Charms als Spiritus Rector, begeisterte das Publikum. Das exquisite Ensemble überschlug sich im wahrsten Sinne des Wortes.

Warum schwimmt die britische Insel nicht ins Meer hinaus? Sie ist vertäut. Vertäut? Die Insel ist grün, daher gibt es viel Tau, also ist sie vertäut und bleibt, wo sie ist. Ein Ehemann erklärt seiner Frau auf diese Weise die Welt – im Bett. Absurdität pur. Nach Koltès' düsterer Lagerhaus-Elegie „Quai West“ wollte Andrea Breth sich dem Heiteren zuwenden.

Das Ergebnis ist ein Patchwork namens „Zwischenfälle“ aus Texten von Georges Courteline, Pierre Henri Cami und Daniil Charms. Courteline entwickelte Feydeau weiter, Cami ist eine Art Surrealist, Charms (1905–1942) ist der jüngste und abgründigste der drei Stofflieferanten dieses Abends: ein Anarcho-Poet, eine Mischung aus Kafka und Antonin Artaud mit einem Schuss Dostojewski. Charms ist der Patron dieser Produktion.

Der Markt der well made plays ist voll von Beziehungs-, Bürodramen. Das Fernsehen ist voll von Amüsement, das auch ein „Theater der Grausamkeit“ (Artaud) ist. Breth spielt mit vielen Formen des Entertainments. Sie schreibt eine Kulturgeschichte, beeinflusst von ihrer Generation: Da wird „Nachts ging das Telefon“ von Zarah Leander gesungen, ebenso intoniert wie „Déshabillez-moi“, durch Juliette Gréco bekannt. Da schieben, hüpfen, springen Stummfilmfiguren – mehr wie Buster Keaton als wie Charlie Chaplin – über die Bühne. Von Film, TV inspiriert sind auch Krimi-, Ohrfeigenszenen, die sich zu Martial Arts steigern.

Die Aufführung ist von einem atemberaubenden Reichtum an Einfällen, Assoziationen. Mit ausgestrecktem Zeigefinger weist Oberlehrerin Breth die Unterhaltungsstümper, die uns täglich ihren ach so perfekt gemachten Junk um die Ohren schlagen, ins letzte Eck. Wittenbrink, schämen! Der didaktische Furor, der in diesem vordergründig leichten Gebilde steckt, ist auch ein Problem. Bei der Premiere am Samstag waren wohl viele Breth-Kenner anwesend. Andere dürften einige Szenen der für einen bunten Abend (drei Stunden, eine Pause) langen Aufführung in ihrer epischen Breite und der Lust am Hauen mit dem Hammer auf denselben Fleck lähmend finden. Breth-Aficionados erleben den besten Spaß seit Langem.

Eigentlich muss man sich diese Kreation mindestens zwei Mal anschauen, um alle Kreuz- und Querverbindungen aufzunehmen. Das Ensemble ist grandios. Sogar die Verschleißerscheinungen, die sich bei einigen der Breth-Schauspieler infolge ihres langen Künstlerlebens bemerkbar machen, spielen mit und sind optimal eingesetzt.

 

Der Größte von allen: Markus Meyer

Hier ein subjektiver Blick auf dieses sublime Kaleidoskop: Ein Mann (Peter Simonischek) will gegen Bares die Erlaubnis erwirken, einem jungen Mann in den Hintern zu treten. Als die Verhandlungen endlich so weit gediehen sind, dass er den Fuß heben kann, kommen ihm angesichts des niedlichen Gesäßes vor seinen Augen sonderbare Gedanken. Er kann sein Vorhaben nicht ausführen... Ein Büromensch (EU?) lässt sämtliche Familienmitglieder sterben, um nicht zur Arbeit zu müssen. Als ihm sein Chef mit Kündigung droht, verlangt er nach einer unfassbaren Suada eine Gehaltserhöhung: Der Schweizer Roland Koch spricht Schwyzerdütsch, ein künstliches, das man fast verstehen kann. Raffiniert... Später parliert Koch ebenso flüssig Französisch... Ein Orchester produziert Dissonanzen... Elisabeth Orth und Udo Samel reisen als altes Paar nach Venedig, sie spricht Wiener Dialekt, er ist ein Deutscher. Entzückend. Später sieht man die zwei als greise Kinder Suppe löffeln. Sie ruft: „Ich bin die Prinzessin! Und du bist das Schwein!“ Er schimpft zurück. Sie darauf – mit Grabesstimme: „Du hast keine innere Haltung.“ Die Zeit gerät aus den Fugen in dieser Aufführung, Menschen tragen ihren psychischen Zustand nach außen: Ein Mann liegt im Büro auf dem Fußboden, die Kollegen steigen kaltblütig über ihn drüber.

Die unheimlichste Szene: Ein älterer und ein alter Herr (Simonischek, Hans-Michael Rehberg) – der Alte hat einen starken Tremor, er kann seine Nudeln nicht essen, schließlich fällt sein Kopf in den Teller. Der andere redet ungerührt einfach weiter...

Johanna Wokalek als Möchtegern-Marilyn, Andrea Clausen als verführerische, Corinna Kirchhoff als sehr herbe Dame, Gerrit Jansen – sie alle steuern feinste Facetten zu dieser Groteske bei. Der Größte aber ist Markus Meyer, der sogar Ballett tanzt – im Anzug zu einem flotten Walzer. Kunstwerke für sich sind die Kostüme von Moidele Bickel und das Bühnenbild von Martin Zehetgruber.

Letzteres verlangt mit rasanten Wechseln den Bühnenarbeitern alles ab – auch sie verbeugten sich bei der Premiere. Das Publikum wirkte bestens gelaunt. Selbst Kritiker, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie je schmunzeln, lachten herzlich.

Auf einen Blick

Sophisticated, abgründiger Humor für Fortgeschrittene – das ist „Zwischenfälle“ von Courteline, Cami, Charms: eine Performance über die Zeit, als die Unterhaltung in der Moderne ankam, mit Spiel, Tanz, Pantomime, Musik (7., 14., 22.2.). Breths letzter „Lachschlager“ war Albees „Die Ziege“. Diese Woche widmet sich die Burg Thomas Bernhard.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2011)