Oper in Paris: Roberto Alagna, der schöne Mann

(c) Opera de Paris
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Zur Rückkehr des beliebten Tenors Robert Alagnas gibt man in der Bastille Zandonais "Francesca da Rimini" in märchenhaften Dekors - ohne Kommentar zu Epoche, Geschmack und Stil. Kitsch, alledings nur beinah.

Es war, wie wenn Eleonora Duse sagt: oh –!“, schreibt Peter Altenberg über das traurige Gesicht eines Mädchens, dem der Herr Papa die Freuden der Mathematik nahezubringen trachtet. Die Duse und ihr „Oh“, das waren um 1900 fixe Größen, an denen man sich orientieren konnte. 100 Jahre später ist man geneigt, von Kitsch zu sprechen, und doch: Ein für die Duse gedichtetes Theaterstück in der Vertonung eines Puccini-Zeitgenossen, das kann, wie sich zeigt, nach wie vor gehörig Wirkung machen. Vorausgesetzt, man tastet die Integrität des Werkes nicht an.

Die Pariser Oper spielt Zandonais „Francesca da Rimini“ – ohne Kommentar zu Epoche, Geschmack und Stil. Sie spielt das Stück. Und zwar als Hommage an einen französischen Tenor, der nach fast einem Jahrzehnt der Abwesenheit die Bastille wieder zurückerobert: Das Publikum feiert Robert Alagnas Comeback mit lautem Jubel.

Es feiert auch die Dekors, die Carlo Centolavigna und Maria Filippi für die Inszenierung Giancarlo Del Monacos entworfen haben. Der Rosengarten, in dem der schöne Paolo Malatesta erscheint, um für seinen älteren Bruder um die Hand Francesca da Riminis zu werben, wurde gleich nach Hochziehen des Vorhangs mit Applaus bedacht. Natürlich würden deutsche Regisseure dergleichen auf einem Misthaufen spielen lassen, um uns über die Schlechtigkeit der Welt und vor allem der Kunst der Zeit um 1900 zu belehren.

Magisches Licht durch Glasfenster

Doch die Welt des Gabriele D'Annunzio spiegelt die Atmosphäre der Pariser Produktion präzis wider. Die Innenräume des Palastes erinnern, überquellend von kunstgeschichtlichen Zitaten, an des Dichters „Vittoriale“ am Gardasee, vom eigenwillig durch bunte Glasfenster gefilterten Zauberlicht beleuchtet. In solch magischer Künstlichkeit ist auch D'Annunzios artifiziell gedrechselte Sprache angesiedelt; und Zandonais Musik. Den harmonischen Funden seiner Generation verpflichtet – hier klingt es nach Janáček, da wie Debussy – ist sie doch von jener Italianità getragen, die den Singstimmen ermöglicht, in der tonal unsicher gewordenen Welt auf halbwegs geraden Sangespfaden zu wandeln.

Zandonai fehlt zwar Puccinis Kunst, im entscheidenden Moment auch nachsingbare Melodien zu finden. Doch nutzt ein Robert Alagna die Chance, seinen Tenor auch jenseits der Ohrwurm-Region prachtvoll strömen zu lassen und alle Emotionen einer Liebeshandlung singend auszukosten. Ihm zur Seite eine Francesca, Svetla Vassilieva, die ihren Sopran angesichts des unter Daniel Orens Leitung lustvoll aufrauschenden Orchesters merklich forciert, um mithalten zu können. Starkes Vibrato in Partien, wo ruhige Stimmführung gefragt wäre, sind der Zoll, den die Sängerin dafür zahlt, dass sie im Augenblick der Ekstase mit dem kraftvollen Alagna mithalten kann.

Del Monacos Personenregie fördert die Geschichte der verbotenen Liebe detailgenau zutage, nutzt das bilderreiche Umfeld dazu, pittoreske „Francesca e Paolo“-Illustrationen der Kunstgeschichte nachzustellen. Und er modelliert die charakterstarken Darsteller der Figuren, die das Liebespaar umgeben, zu kriminalfilmreifen Auseinandersetzungen. Allen voran brillieren George Gagnidze als Francescas herrisch-eifersüchtiger Ehemann und William Joyner als intrigant-brutaler Malatestino, der im Kampf eines seiner Augen verliert und als Verräter den schönen Bruder ans Messer liefert.

Die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Männern, vom im Rollstuhl sitzenden Giovanni vorangetrieben, zählt zu den atemberaubenden Momenten des Abends, gefolgt von den nicht minder heftigen Vokaleruptionen des Liebespaars in seiner letzten Liebesnacht. Das Publikum genießt die blutrünstige, schaurig-schöne Geschichte, und hält in den lyrischen Augenblicken den Atem an, als hätte die Duse „oh“ gesagt.

Aufführungen: 9., 12., 16., 19. und (ohne Alagna) 21. Februar. Am 19. Februar überträgt Radio France Musique live (19.30).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2011)

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