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Filmfest: Schattenseiten des Erfolgs

(c) Filmfest Rotterdam
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"Rotterdam XL": Das niederländische Filmfestival ist eines der größten und wichtigsten Europas. Bei der 40. Jubiläumsausgabe regierte Feierlaune trotz Krisenzeichen. Österreichische Koproduktionen beeindruckten.

Ist Rotterdam der Ort, an dem sich die Probleme der internationalen Filmfestivalszene am deutlichsten abbilden? Das niederländische Filmfestival, dessen 40. Jubiläumsausgabe am Samstag zu Ende ging („Die Presse“ berichtete gestern über die Preise), ist eines der größten und wichtigsten Europas. Es ist auch eine letzte Bastion für eigensinniges Kino: Statt Hollywood-Glamour und des weihevollen, nicht immer gerechtfertigten Wettbewerbstheaters von Cannes bis Berlin bietet Rotterdam eher alternativen Charme. Kunst statt Kommerz soll nicht nur ein Lippenbekenntnis sein.

So war der prototypische US-Gaststar kein Filmemacher, sondern ein Juror: Musiker Lee Ranaldo von den prägenden New Yorker Gitarrenrockern Sonic Youth. Wie um Rotterdams Anspruch auf eine Schlüsselposition an der Schnittstelle zwischen Film und anderen Künsten zu behaupten, gab Ranaldo eine Liveperformance und entlockte einer herabbaumelnden Gitarre mit Geigenbogen und ungeeigneterem Instrumentarium Feedbackgeräusche. Nicht wirklich originell, trotzdem gab es zur Preisverleihung eine Zugabe, während im Hintergrund pflichtschuldig zur Publikumsberieselung zwei japanische Experimentalkurzfilme liefen. Auch der Musiker selbst schenkte ihnen wenig Beachtung: „Sie können den Namen des Regisseurs im Abspann lesen.“

Der ungeschickte Moment war bezeichnend: Trotz der cinephilen Ausrichtung des Festivals – da ist Rotterdam ein Vorbild auch für die Wiener „Viennale“ – fallen die Filme öfters dem Event-Charakter der Veranstaltung zum Opfer. Bei der am Donnerstag beginnenden Berlinale ist es mittlerweile eher Makel denn Auszeichnung, in dem offenbar nur nach Koproduktionsvorgaben und Gefälligkeit statt nach künstlerischen Kriterien programmierten Wettbewerb zu laufen.

 

Die Festivalwelt als Nischenmarkt

Stimmen nur die Zuseherzahlen, scheint der Rest zusehends egal zu sein – in Rotterdam verunmöglicht der anhaltende Publikumserfolg mit seiner Einnahmengarantie schon länger ein Gesundschrumpfen. Über 500 Filme in zehn Tagen: üppiges Angebot, doch leidet die Qualität. Zum 40.Jubiläum – „Rotterdam XL“ – sollten Rahmenveranstaltungen und Zusatz-Installationen die Feierlaune heben. Doch hätte man besser in Kernkompetenzen investiert: etwa genauere Arbeit bei den verdienstvollen historischen Filmretrospektiven. So überzeugte nur die Werkschau zum exzellenten katalanischen Regisseur Agustí Villaronga, dem mit der Romanverfilmung Black Bread eben ein klassisches, vielschichtiges Comeback gelang: eine unsentimentale Pastorale über ein Kinderschicksal nach dem Bürgerkrieg.

Der Tiger-Wettbewerb zeigte ein anderes Problem der Festivalwelt: Sie wird zusehends zum Nischenmarkt, dessen Klischees und Hypes bedient werden. Von den drei Tiger-Siegern bestach nur die südkoreanische Außenseiterstudie The Journals of Musan;das thailändische Drama Eternity blieb eine epigonale Übung im nationalen Idiom (lange Einstellungen, meditative Trauer); auch die absurde portugiesische Geister-Odyssee Finisterrae zeigte sich – immerhin humorvoll – kalkuliert. Kräftig wirkte nur Headshots: das österreichisch koproduzierte Debüt von Lawrence Tooley ist ein besseres Berliner Milieubild als Tom Tykwers Drei.Loretta Pflaum beeindruckt als Fotografin in einer Existenzkrise, die Tooley modernistisch ausgestaltet, in einer avancierten Traditionslinie der Berliner Filmhochschule dffb. Im Gegensatz zur Konkurrenz ist er dabei so kompromisslos, dass noch misslungene Momente Eindruck hinterlassen.

Ein anderer Ausnahmefilm kam vom österreichischen Künstler Edgar Honetschläger: Die japanische Koproduktion AUN – The Beginning and End of All Things ist ein berauschender Bildertrip mit symbolischen Figuren. Das Wissenschaftlerkind Aun, der stumme Gelehrte Euclides oder Waldgeister im bunten Manga-Girlie-Kostüm erleben im Zeitensprung spirituelle Abenteuer. Honetschlägers Ideenfülle ist assoziativ organisiert (mit feinen Elektrosounds von Christian Fennesz): Die Auseinandersetzung mit Fortschrittsglauben und Spiritualität ist nicht stringent, sondern neugierig-suchend. Die Bildwelten reichen entsprechend von mikroskopischen in kosmische Dimensionen. Mit seinem Erfindungsreichtum ist AUN ein Film, der für Rotterdam typisch sein sollte – aber dort mittlerweile fast randständig wirkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2011)