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Ruf nach dem Zwei-Klassen-Internet

(c) DiePresse
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Telekomfirmen fordern ein neues Geschäftsmodell. Schnelle Leitungen sollen jenen Nutzern offenstehen, die dafür bezahlen. So soll der Netzausbau finanziert werden.

Wien. Der Videostream von Al Jazeera, der Livebilder von der Revolution in Ägypten zeigt, stockt. Die Urlaubsfotos, aufgenommen mit der digitalen Spiegelreflexkamera, sind so groß, dass es Stunden braucht, um sie an ein E-Mail anzuhängen. Jeder Internetnutzer weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Netz an seine Kapazitätsgrenzen gelangt.

„Das Internet braucht ein neues Geschäftsmodell“, fordern nun die Unternehmensberater von A.T.Kearney in einer Studie. Um den wachsenden Datenstrom verarbeiten zu können, müsste allein im Jahr 2014 so viel an neuer Internetkapazität zugebaut werden, wie heute vorhanden ist. Derzeit fehle den Telekomfirmen aber jeglicher Anreiz, das auch zu tun. Denn von den gewaltigen Datenmengen, die Portale wie etwa Youtube durch ihre Leitungen schicken, profitieren sie bisher kaum. Den Löwenanteil der Gewinne streifen jene ein, die den Kanal bespielen: die Googles und Apples der Welt.

 

28 Mrd. Euro pro Jahr für Netz

Am offensichtlichsten ist diese Entwicklung im mobilen Internet. So verbringt der durchschnittliche iPhone-Nutzer etwa fünf Mal so viel Zeit mit dem Anschauen von Videos als andere Handynutzer. Bis 2014 wird sich das Datenvolumen im mobilen Internet in jedem Jahr mehr als verdoppeln, schätzt A.T.Kearney. Um die Qualität des Internets aufrechterhalten zu können, müssten alleine in Europa jedes Jahr 28 Mrd. Euro in den Ausbau der Netze investiert werden.

Bezahlen sollen dafür entweder die großen Inhalteanbieter wie Google oder Youtube (pro verschicktem Gigabyte) oder der Konsument, der für schnelle Verbindungen zusätzliches Geld hinblättern könnte, schlagen die Autoren vor.

Mit dieser Forderung ist die Studie wenig überraschend Wasser auf die Mühlen ihrer Auftraggeber (Deutsche Telekom, France Telecom, Telecom Italia and Telefónica). Sie fordern seit Jahren die Einführung eines Zwei-Klassen-Internets, um schnellere Datenübertragung auch teurer verkaufen zu können. „Das Netz gibt es nicht umsonst“, trommelt René Obermann, Chef der Deutschen Telekom, seit Langem. Doch bis vor Kurzem stellten sich die Inhalteanbieter taub.

„Die Netzbetreiber bekommen kein Geld von uns“, konterte der damalige Google-Chef Eric Schmidt noch im Herbst. Mittlerweile können auch sie sich zumindest ein mobiles Internet der zwei Geschwindigkeiten vorstellen. Dahinter stehen die Pläne von Google und Apple, endlich mit Internet-TV Geld zu verdienen. Das wird erst dann möglich, wenn die Provider eine ruckelfreie Übertragung garantieren können.

Das Modell der Telekomfirmen ist auch andernorts umstritten. Die Idee, eine teure Überholspur im Netz einzubauen, widerspricht jenen grundlegenden Prinzipien des Internets, nach denen das Netz bis heute funktioniert. So wird jede Datei gleich schnell transportiert, egal, ob es nun Spam aus Russland oder Aktienkurse von der Wall Street sind. Das sichere Meinungsvielfalt und Wettbewerb im Internet, argumentieren jene, die dieses Prinzip der Netzneutralität am liebsten gesetzlich verankert sähen. Im Vorstoß der Telekomfirmen sehen sie das Ende des freien Internets.

 

Regulatoren halten sich zurück

Die Unternehmen argumentieren hingegen mit Zahlen wie jenen aus der A.T.Kearney-Studie. Die üblichen Preismodelle sehen sie nicht länger als tragfähig an. Tatsächlich sind Kosten und Nutzen im Internet heute ungleich verteilt. So verbrauchen derzeit fünf Prozent der Internetnutzer 80 Prozent der gesamten Kapazität. Die Regulierungsbehörden halten sich in der Debatte bisher zurück. Die EU betont lediglich ihr Vertrauen auf den freien Markt und fordert volle Transparenz für den Endkunden.

Prinzipiellen Widerstand gegen ein Internet der zwei Geschwindigkeiten gibt es aber kaum noch. „E-Mails oder Datentransfer kann man verlangsamen“, sagte etwa Georg Serentschy, Europas oberster Telekomregulator in spe, im Gespräch mit der „Presse“.

Auf einen Blick

Im Internet werden zur Zeit alle Daten mit der gleichen Priorität behandelt. Ein Umstand, der den großen europäischen Telekomfirmen ein Dorn im Auge ist. Sie wollen ein Internet der zwei Klassen, bei dem für schnellere Datenverbindungen extra gezahlt werden muss – vom Kunden oder von Anbietern digitaler Inhalte wie Youtube. Nur so könne der auf 28 Mrd. Euro pro Jahr geschätzte Netzausbau finanziert werden, argumentieren die Telekoms.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2011)