Mit Elektronik befrachtet wie ein Awacs-Flugzeug, müht sich der neue A6 um Emotionen: Die Technik soll auch begeistern. Viele Features gibt es schon auf dem Markt, aber kein Auto hat sie allesamt eingepackt.
Auch wenn Audi die Erfindung des Automobils vor genau 125 Jahren nicht ganz so enthusiastisch feiert wie der Daimler-Konzern (der verzückt mit der Patentschrift aus dem Jahr 1886 eines gewissen Carl Benz wedelt), so ist die neue Generation des A6 dennoch ein guter Anlass, innezuhalten: Autos, und was aus ihnen geworden ist.
Das Auto denkt und lenkt
Der Audi ist nämlich ein Sammelbehälter für so gut wie alle technischen Errungenschaften des Automobilbaus. Kostprobe?
Das Auto beschleunigt und bremst selbsttätig, hält automatisch die Spur sowie den Abstand zum Vordermann, parkt von allein ein, überwacht den Fahrer auf Müdigkeit, blickt ihm über die Schulter in den toten Winkel, mahnt Tempolimits ein, erkennt und warnt vor Menschen in der Dunkelheit und spürt, wenn sich ein Auto von hinten so schnell nähert, dass mit einem Tuscher zu rechnen ist (vorsorglich werden in dem Fall die Gurte festgezurrt und die Fenster geschlossen). Der Fahrer, der sich von seinem belüfteten und geheizten Sitz massieren lässt, blickt routiniert auf die in die Windschutzscheibe gespiegelten Daten und lässt, nach einem gebellten Sprachbefehl, per Google nach einem Restaurant in der Nähe suchen (die Passagiere indes surfen in ihren Smartphones über den WLAN-Hotspot an Bord).
Es geht weiter: Die LED-Scheinwerfer, die in einem halben Dutzend Varianten strahlen können, abgeblendet nur 40 Watt brauchen und das Fernlicht entgegenkommenden Autos anpassen, studieren einstweilen über die Navigation die vorausliegende Strecke, wissen also, ob es in der nächsten Kurve nach links oder rechts geht, ins Ortsgebiet oder auf die Autobahn. Die Getriebeautomatik informiert sich nebenbei, ob vom Streckenverlauf her eher hoch- oder runterzuschalten ist. Unaufhörlich prasseln Daten aus Radarsensoren, GPS, Infrarot- und Videokameras auf die Schnittstellen ein, und was der Fahrer tut, wird auch noch berücksichtigt. Der mag sich wundern, dass ihm das Auto keine Pizza auftauen oder zu Hause den Rasen mähen kann (beides noch nicht verfügbar). Als versöhnliche analoge Geste kann man auf ein Touchpad kritzeln, das System erkennt chinesische Schriftzeichen und sogar unsere Klaue.
Was hinterm Hügel lauert
Viele der geschilderten Features gibt es schon auf dem Markt, aber kein Auto hat sie bislang allesamt eingepackt. Schon gar nicht in diesem Segment, das Audi vorsorglich von der oberen Mittelklasse zur „Oberklasse“ befördert hat.
Nicht jeder A6 wird freilich wissen, was hinterm nächsten Hügel lauert: Die meisten Hightechwunder erschließen sich erst über die Aufpreisliste. Im Basis-Trimm ist der A6 ein relativ normales Auto. Ihm bleiben ästhetische und mechanische Disziplinen.
Im Design führt Audi die Linie des A8 fort: keine übertrumpfende Attitüde, stattdessen ein weniger klotzender Kühlergrill, verkürzte Überhänge der Karosserie und „konzentrierte“ Blicke aus kunstvollen Scheinwerferskulpturen, optional in Voll-LED. Besonders das Heck mit seinen hochgesetzten Leuchten hat an Eleganz gewonnen. Die neue Generation ist nicht länger, in Nuancen sogar leichter geworden.
Das Interieur wird Audis Ruf in Sachen Anmutung, Stilsicherheit und Verarbeitung mit Bravour gerecht. Es braucht gar nicht die B&O-Audioanlage, deren Hochtöner aus der Versenkung fahren, beispielhaft ist schon der elegante Schwung, mit dem sich der große Bildschirm aus dem Schacht faltet.
Auch wenn Audi „die sportlichste Businesslimousine“ auf dem Markt ausgerufen hat und das straffe Fahrwerk sehr detailreich federt – scharf gefahrene Kurven sind es nicht, die einem an Bord vorderhand in den Sinn kommen.
Man äugt lieber auf die Verbrauchsanzeige, auch wenn sie auf ersten Testkilometern wenig aussagekräftig ist: um die zehn Liter im lustvoll drehenden 300-PS-Benziner, um die sieben Liter im V6-Diesel. Der Vierzylinder-TDI mit 177PS und 380Nm stellt laut Norm gar den derzeit niedrigsten Wert der Klasse: 4,9Liter/100km.
Eine in Geräusch und Kraft mehr als passable Motorisierung – besser zum Thema passt jedoch der 3,0-Liter-V6-TDI mit 204 oder 245PS, mit 5,2 respektive 6,0Liter Verbrauch laut Norm beides keine schweren Trinker. Alle Motoren des A6 schweigen an der Ampel.
Gefühle? Wer sein Smartphone wie einen wärmenden Taschenofen mit sich führt, hat sein Herz an den A6 schon verloren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2011)