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Erwin Stransky: Weihnachtsabend bei Schärf

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Wahrlich skurril klingt die Story, die Norbert Leser über den renommierten Psychiater Erwin Stransky (1877–1962) berichtet. Sie bestätigt das Diktum Arthur Schopenhauers.

Wahrlich skurril klingt die Story, die Norbert Leser über den renommierten Psychiater Erwin Stransky (1877–1962) berichtet. Sie bestätigt das Diktum Arthur Schopenhauers, dass das Leben im Großen und Ganzen eine Tragödie, in seinen einzelnen Episoden auch eine Komödie, insgesamt also eine Tragikomödie sei.

Stransky war auf dem Gebiet der Schizophrenie- und Parkinsonforschung, aber auch im Bereich der manisch-depressiven Erkrankungen bahnbrechend. Einer seiner späteren Kollegen hat Stransky sogar als „nobelpreisverdächtig“ eingestuft.

Er verlor als „Volljude“ nach dem „Anschluss“ 1938 seine Professur in Wien, blieb aber durch die Mischehe mit einer „Arierin“ vor der Deportation geschützt. Und er blieb auch ein rechtskonservativer Deutschnationaler, dessen Einstellung auch der Erschütterung durch Hitler standhielt.

„Hätte mir jemand anderer die folgende Geschichte erzählt, hätte ich sie für die Ausgeburt einer krankhaften Fantasie gehalten“, schreibt Norbert Leser. „Aber die Tochter Adolf Schärfs, Martha Kyrle, hat mir mehrfach bestätigt, dass es sich tatsächlich so abgespielt hat.“

„Die Familie Schärf hatte bei der Schlacht um Stalingrad ihren Sohn verloren und war zu Weihnachten 1943 dementsprechend in gedrückter Stimmung. Adolf Schärf ging vor dem Heiligen Abend mit seiner Tochter stundenlang spazieren, um über den schweren Verlust hinwegzukommen. Als Schärf mit seiner Tochter nach Hause kam, war der Christbaum geschmückt, und unter diesem saß das Ehepaar Stransky, das im selben Haus, Skodagasse1, wie Schärf wohnte. Nun spielte sich folgende wahrhaft denkwürdige Szene ab. Stransky kondolierte dem Ehepaar Schärf, fügte aber hinzu: ,Ihr Sohn ist einen Heldentod gestorben, und trotz allem, was jetzt geschieht: Deutschland muss den Krieg gewinnen, dann werden wir Hitler loswerden.‘ Der ,Arier‘ Schärf lehnte diesen Trost ab. Er glaubte längst nicht mehr an einen Sieg Deutschlands...“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2011)