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Eine Linke, die nicht zerstritten ist, ist keine Linke

Zu Wolfgang Hingsts Klage über „die innere Spaltung“ der Linken. Die Linke hat gegen Reaktion und Konservativismus keine Chance.

Die Reaktion möchte alles so haben, wie es vorgestern war, mit Führer, Volksgemeinschaft und Volksschädlingen. Weil ein solches Programm komisch ist, versteht der Reaktionär keinen Spaß.

Für den Konservativen kann alles bleiben, wie es ist. Die Welt ist gestern nicht untergegangen, also wird sie, wenn man heute so handelt wie gestern, auch heute nicht untergehen. Aufgrund dieser grundlosen Zuversicht empfindet man den Konservativen als gemütlich. Man darf sich nur nicht über ihn lustig machen. So sehr er den Humor liebt, so sehr hasst er den Witz.

Die Linke hat gegen Reaktion und Konservativismus keine Chance. Sie als einzige politische Gruppierung kannnicht sagen, wie es weitergehen soll, und wird es nie sagen können. Sie ist mit dem Bestehenden absolut unzufrieden, ihre Kritik daran geht so tief, dass sie das radikal Neue zwar fordern muss, aber nicht wissen kann, wie es beschaffen ist.

Wer darauf hinarbeitet, das schlechte Alte zum Einsturz zu bringen, kann mutmaßen, wie das Neue sein wird, wissen kann das niemand – ausgenommen die prophetischen Falschmünzer innerhalb der Linken. Und wo es um Mutmaßung geht, um ein Experiment, von dem man nicht weiß, wohin es führt, zerfällt die Linke in Individuen, von denen jedes je nach seiner Ausbildung, seinem Beruf, seinem Interesse eine eigene Ansicht über Veränderung und Verbesserung der Welt hat.

Anders kann es nicht sein. Somit stehen unzählige linke Ansichten gegeneinander. Die Linke ist also ihrem Wesen nach zerstritten. Deshalb tritt sie nur in den kurzen Phasen des Kampfes organisiert auf, ansonsten ist jedes linke Individuum sich selbst die liebste Partei.

Bürgerliche Beobachter, denen dasungezügelte, streitbare Wesen der Linken fremd, deren Hang zum autonomen Individuum unheimlich ist, fragen sich, insbesondere wenn in der Gesellschaft Grabesruhe herrscht, wo denn die Linke bleibt. Man wartet auf sie wie auf eine Eisenbahn, die Verspätung hat. Die Linke verkehrt aber nicht nach Fahrplan.

Das scheint geistig anregend zu sein. Denn dass die Linke an Kritik und Theorie einiges hervorgebracht hat, gerade auch dort, wo sie kämpft, bestreiten nicht einmal geistige Armutschkerl. Auch verändertsich der Charakter der innerlinken Auseinandersetzungen. Die Mutmaßungen darüber, was zu tun sei, werden nicht wie früher als Wahrheiten verkündet, sondern als Experimente gesehen. Das lindert die Wut, die man aufeinander hat, so dass mehr Kraft bleibt, nach außen zu wirken. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2011)