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Bilbao: Zwischen Weltwunder und Wirklichkeit

(c) EPA (Alfredo Aldai)
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Der Flughafen: eine Taube. Das Museum: selbst das schönste Ausstellungsstück. Aber die raffiniertesten Kunstwerke liegen ohnehin auf den Tellern der Restaurants. Nachrichten aus der Hauptstadt des Baskenlandes.

Alles, was Flügel hat, fliegt. Die Möwe fliegt. Das Flugzeug fliegt. Und in Bilbao kann auch der Flughafen fliegen. Jedenfalls in der Vorstellungswelt fantasievoller Betrachter. „La Paloma“, die Taube, ist der Spitzname des Terminals, den Santiago Calatrava Ende der 1990er ins baskische Hügelland gestellt hat, und nicht nur Ornithologen werden sich schwertun zu ergründen, was denn die schlank schwingende Konstruktion mit dem doch eher korpulent durch unsere Städte flatternden Federvieh gemein haben soll. Es sei denn, dass es uns mehrheitlich auf die Nerven geht – wie den Bürgern Bilbaos ihr Flughafen: zu wenig Platz in der Ankunftszone, lautet ein gängiger Vorwurf, zu unflexibel, alles in allem zu unpraktisch. Aber halt so schön!

Schön wie Calatravas Fußgängerbrücke in Bilbaos Stadtzentrum: Die regelmäßig nötigen Reparaturen haben zwar allein in den ersten zehn Jahren ihrer Nutzung immerhin eine Viertelmillion Euro verschlungen, und bei Regenwetter ist sie erst seit jener Zeit sturzfrei zu passieren, zu der die Stadtverwaltung auf all die Calatrava'sche Eleganz gepfiffen und die Glasziegel des Stegs mit eher derben Haftstreifen versehen hat; aber auch so ist „Zubizuri“, die „weiße Brücke“, noch ein Schmuckstück ihrer Art.

Wir sehen schon: Eine Reise nach Bilbao ist nicht zuletzt eine Reise zu Glanz und Elend zeitgenössischer Architektur. Santiago Calatrava, Arata Isozaki, Zaha Hadid, Norman Foster, sie alle haben in der baskischen Hauptstadt ihre je nach Temperament und Bauaufgabe mehr oder minder dominanten Spuren hinterlassen – und es ist nicht selten der Zusammenprall von stararchitektonischer Kreativwucht mit den schnöden Notwendigkeiten des Alltags, der Misshelligkeiten befördert. Mag auch der Besucher angesichts von so viel dynamischer Wahrzeichenwut mitunter vor Neid platzen: Mit all den spektakulären Visionen zu leben stellt ganz andere Anforderungen, als sich nur an ihrem Anblick zu begeistern – und dann weiterzureisen.

Zugegeben, die ganze Architekturerei – auch das soll nicht vergessen werden – hat in weniger als zwei Jahrzehnten eine abgewirtschaftete Industriestadt aus dem hintersten Eck internationaler Wahrnehmung in die vorderste Reihe boomender Kulturmetropolen geschoben; und wo vordem der Mief des Provinziellen alles zugedeckt hat, macht sich heute das Odeur vibrierender Weltläufigkeit breit.

 

Verschwurbelte Strukturen

Aber schon das Herz- und Anfangsstück dieses Imagewandels, Frank Gehrys Guggenheim Museum Bilbao, trägt den Widerspruch zwischen ästhetischem Wurf und Alltagswirklichkeit in sich: So überwältigend die skulpturale Wirkung des titanbehäuteten Wunderwerks von innen wie von außen ist – der Kurator, der in diesen aufs Betörendste verschwurbelten Strukturen eine Ausstellung hängen muss, möchte man nicht sein.

Freilich, wozu Zweckmäßigkeitsdiskussionen, wenn die Macht des Imaginativen selbst nüchternen Charakteren den Atem nimmt? So auratisch, wie Gehrys Werk am Ufer des Flusses Nervión ruht, erfüllt es auch die Wunschträume touristischer Marketingstrategen: USP lautet die Zauberformel, kurz für „unique selling proposition“, und was könnte besser als „Alleinstellungsmerkmal“ taugen als ein Bau, der rund um den Globus, und zu Recht, als eine Art Weltwunder der Gegenwart gilt? Im Übrigen: Wer hätte etwa bei den Pyramiden je nach ihrer Alltagstauglichkeit gefragt?

Auch sonst besteht an USPs in der 350.000-Einwohner-Stadt kein Mangel. Das fängt im Vorort Areeta an, mit einem Monument früher Eisenkonstruktionskunst, „Puente colgante“ genannt und 1893 erbaut, weniger „Brücke“, wie man dem Namen nach meinen könnte, sondern Schwebefähre über den Nervión. Und es endet bei einer avantgardistischen Restaurantkultur, die Kochen auch als bildnerische Kunst begreift und den Genießer vor die Herausforderung stellt, Gang für Gang aufs Neue optisch allerfeinst komponierte Schöpfungen zerstören zu müssen.

Wem so viel kulinarischer Gestaltungsfuror schon zu gefinkelt ist, der kann noch immer zu den bodenständigen Tapas, baskisch Pintxos genannt, greifen, das eine oder andere Glas Txakoli, den frisch-herben Weißwein der Region, dazu leeren und sich in der einen oder anderen Taverne der Altstadt von den Anstrengungen erholen, die uns die Moderne, und sei sie noch so schön, doch immer wieder abverlangt. Eskerriska! Das heißt auf Baskisch: prost!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2011)