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Rollen des R

Vom Rollen des R und von archaischen Wendungen. Wie Millionen von Vertriebenendas Sprachverhalten in Deutschland prägten.

Warum haben viele Deutsche ein so anderes Verhältnis zum Dialekt als die Österreicher? Eine mögliche Antwort führt in die Geschichte. Nach Kriegsende verteilten sich Millionen von Vertriebenen über ganz Deutschland und brachten ihre unterschiedlichen Dialekte mit. Und wo zwei Sprechweisen aufeinanderstoßen, kommt es entweder zu einer Durchmischung oder zu einem Ausweichen auf das Niemandsland der Hochsprache. Die Kinder dieser Menschen sind daher oft nur locker an den Dialekt ihrer Region gebunden, sie wachsen „zweisprachig“ auf.

Die Vorfahren meiner Mutter stammten aus Ostpreußen. Im 19. Jahrhundert wanderten sie ins ukrainische Wolhynien aus, weil es dort günstiges Pachtland gab. Nach Hitlers Überfall auf Polen wurden die Wolhynien-Deutschen in den besetzten „Warthegau“ umgesiedelt, wo mein Großvater einengeraubten Hof zur Bewirtschaftung bekam. Als die Rote Armee anrückte, packte die Familie, was auf zwei Pferdewagen passte, und floh in Richtung Westen. In Brandenburg, in einem sowjetischen Lager, endete die Flucht. Was dort geschah, blieb ebenso ein Familientabu wie die Frage, was aus den ehemaligen Besitzern des polnischen Hofes wurde.

Drei Töchter schafften es nach Westberlin, die jüngste, meine Mutter, wurde Krankenschwester und absolvierte ihr praktisches Jahr im Rheinland. Dort lernte sie meinen Vater kennen und blieb.


Obwohl die drei Schwestern nur jeweils drei Jahre auseinanderlagen und Hochdeutsch sprachen, kamen sie für meine kindlichen Ohren aus verschiedenen Sprachwelten. Die Älteste hatte sich das rollende R ihrer Herkunftsregion erhalten und verfügte über eine bewegliche, zum Pathos neigende Sprachmelodik. Die Mittlere berlinerte sanft, was ich als köstlichen Kontrast zum schwerfälligen Singsang meines rheinischen Heimatdialekts empfand. Und meine Mutter redete ein nicht lokalisierbares Hochdeutsch mit rheinischen Sprenkeln, doch schien manches in ihrer Sprache aus einer fernen Welt zu kommen. Sie war zeitlebens ein unpolitischer Mensch, und die Geografie ihrer traumatischen Kindheit hatte sich sprachlich kristallisiert: Lodz war Litzmannstadt und lag im Warthegau, die DDR blieb bis zum Mauerfall die Ostzone.

Wenn meine Mutter aufgeregt war, mischten sich archaische Wendungen in ihre Rede. Es war ein konserviertes Erbe, wie es sich häufig in Sprachinseln findet, die vom Sprachwandel des Mutterlands abgeschottet sind: Wer predigte, der redete „in Zungen“, ein aggressiver Mensch hatte „Feuer im Herzen“, und der Teufel war „das Tier“.

Als meine Großmutter mich einmal mit einer Zigarette erwischte, mahnte sie: „Wenn Gott hätte gewollt, dass der Mensch raucht, dann hätte er ihm gesetzt einen Schorrrnstein auf den Kopf!“

dietmar.krug@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2011)