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Tunesier fliehen nach Italien: "Was wollen sie bei uns?"

(c) AP (FRANCESCO SAYA)
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Italiens Innenminister Maroni fürchtet eine riesige Flüchtlingswelle. Die tunesischen Behörden kontrollierten seit dem Umbruch die Seegrenze nicht mehr. Das hat sich herumgesprochen – in ganz Afrika.

„Viva l'Italia, viva l'Italia“, es lebe Italien. Hunderte junge Männer skandieren das fast im Chor, in laufende Kameras. Das gepriesene Italien hat sie nicht sonderlich gut behandelt. Doch was macht das schon, man hat die gefährliche Überfahrt von Tunesien überlebt, es geschafft, europäischen Boden zu betreten – auch wenn es sich nur um eine karge Insel südlich von Sizilien handelt. Zwanzig Quadratkilometer Stein und Fels, kaum Wasser und kaum Bäume, nur 6000 Menschen, die von Fischerei und Tourismus leben – ein Vorposten Europas im Mittelmeer.

Längere Zeit herrschte Ruhe hier; nachdem Italien 2009 Verträge mit Libyen und Tunesien geschlossen hatte, kamen kaum noch Afrikaner übers Meer her. Die Migration fand Wege über Griechenland. Sogar das Auffanglager auf Lampedusa wurde geschlossen, dabei war es erst 2007 in einer Schlucht außerhalb des Hauptortes gebaut worden, als der Flüchtlingsstrom einen Höhepunkt erreicht hatte und die Zustände hier untragbar geworden waren.

 

„Was wollen sie bei uns?“

„Das war nichts im Vergleich zu dem, was wir jetzt erleben“, sagt Don Stefano Nastasi. Der Pfarrer der Kirche San Genardo hat seit Tagen nicht geschlafen, erzählt er am Telefon. Als sich Ende voriger Woche die Lage zuspitzte, als täglich hunderte Tunesier ankamen, hat er seine Kirche, einen modernen Bau in der Hauptstraße, geöffnet, um sie aufzunehmen. „Man kann sie doch nicht im Freien schlafen lassen.“ Für die Haltung des Innenministeriums, das Lager tagelang nicht zu öffnen, weil es wie eine Einladung wirken könnte, hat er wenig Verständnis.

Erst am Sonntag gab Innenminister Roberto Maroni von der fremdenfeindlichen Lega Nord nach. Auch auf der Insel waren die Widerstände groß: „Nur über meine Leiche“, hatte Angela Maraventano, die Vizebürgermeisterin, gedroht. „Diese Illegalen sollen bleiben, wo sie herkommen. Was wollen sie bei uns? Schließlich haben sie keine Diktatur mehr.“

Zu Hunderten mussten sie im Freien schlafen, beim alten Hafen oder auf einem Fußballplatz ohne Infrastruktur. Auch Montag war die Lage prekär, noch befanden sich rund 2600 Flüchtlinge auf der Insel – fast halb so viele, wie sie Einwohner hat. Nicht alle davon denken so wie die Politiker: Hoteliers haben ihre Häuser geöffnet, die sonst zu dieser Jahreszeit zu sind, Frauen bringen Kleider und Essen. „Auch Italiener haben die Pflicht zu helfen“, sagt Nastasi. „Das ist ein humanitärer Notstand, wie wir ihn hier noch nie gesehen haben.“

Nastasi ist keiner, der leicht übertreibt, er war hier schon Pfarrer, als Lampedusa zuletzt einen Notstand erlebte, im Sommer 2008. Doch damals kamen in drei Monaten nicht so viele Menschen wie jetzt in fünf Tagen: über 5000.

Tunis sauer über „Einmischung“

Italiens Regierung ist von dem neuen Flüchtlingsansturm ebenso überrascht und zog alle alarmistischen Register. „Terroristen“ seien laut Minister Maroni unter den Armutsflüchtlingen, Italien werde Polizisten nach Tunesien schicken, um Strände und Häfen zu kontrollieren. Die Übergangsregierung in Tunis lehnte diese „Einmischung in interne Angelegenheiten“ sofort ab, versprach aber, die Kontrollen in den Häfen wieder aufzunehmen. Und in Rom besann man sich wieder der Diplomatie: Außenminister Franco Frattini wollte noch am Montagabend nach Tunesien reisen. Beide Länder haben ein Abkommen unterzeichnet über die Rückführung von Flüchtlingen, das seit dem Sturz von Präsident Ben Ali aber de facto tot ist.

Das sprach sich wohl herum in Tunesien: Hunderte, vielleicht Tausende warten dort, um die Überfahrt ins 150 Kilometer entfernte Lampedusa anzutreten, nutzen das Vakuum nach der Revolution. Wie Menschenrechtler berichten, sind es meist junge tunesische Männer zwischen 20 und 30 Jahren, keine politischen Flüchtlinge. Sie wollen nur eines: Arbeit und etwas Geld nach Hause schicken. Auch nach dem Umbruch haben nur wenige Hoffnung, dass sich an ihren Lebensumständen so schnell etwas ändert.

Wege in den Abgrund

„Wir haben den Präsidenten vertrieben, ja“, ruft ein Bursche in die Fernsehkameras, „und jetzt? Niemand weiß, was nachkommt.“ Was in Italien nachkommt, wissen sie meist auch nicht. Von Lampedusa aus werden sie verteilt auf Lager in Sizilien und Süditalien, auch die sind übervoll. Den Tunesiern droht die Rückschiebung – oder der Weg in die Illegalität, irgendwo am Rand der großen Städte oder auf den Obstplantagen.

Innenminister Maroni aber fürchtet, dass noch Tausende weitere kommen werden, auch aus anderen nordafrikanischen Ländern. Er verglich die Situation mit dem Fall der Berliner Mauer und forderte einen EU-Sondergipfel und 100 Millionen Euro der EU zur Bewältigung des Flüchtlingsstroms.

 

EU sagt 17 Millionen Euro Soforthilfe zu

Die Europäische Union hat bereits am Montag einen ersten Schritt gesetzt und nicht Rom, sondern der Übergangsregierung in Tunesien siebzehn Millionen Euro Soforthilfe zugesagt. Das gab die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton während ihres Besuches in dem nordafrikanischen Land bekannt. Nach den Worten Ashtons will die EU dem Land bis 2013 mit insgesamt 258 Millionen Euro unter die Arme greifen.

Die EU-Außenbeauftragte kündigte an, Tunesien wolle mit Hilfe der EU im kommenden Monat eine internationale Konferenz über demokratische und wirtschaftliche Reformen in dem Land abhalten. Die EU wolle auch die Handelsbeziehungen zu Tunesien verbessern, sagte Ashton.

Lampedusa

Lampedusa ist eine 20 Quadratkilometer große Insel südlich von Sizilien, gut 140 Kilometer östlich der Küste Tunesiens bei Monastir. Sie wurde erst ab 1834 auf Initiative von Ferdinand II., König beider Sizilien, dauerhaft besiedelt, ist durch Rodungen großteils verödet und hat etwa 6000 Bewohner, die von Tourismus und Fischfang leben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15. Februar 2011)