Chemiker haben untersucht, was mit dem Farbstoff passiert, der Vincent Van Gogh so faszinierte und vielleicht auch vergiftete. Denn das Gelb in etlichen Van-Gogh-Bildern wird allmählich dunkler, brauner.
„Eine Suite in Chromgelb“ malten die zeitgenössischen russischen Künstler Witalij Komar und Alexander Melamid – in Anspielung auf Vincent Van Goghs Lieblingsfarbe: Das Bild zeigte einen Selbstmord in einem Motel.
Van Goghs Faszination für das satte Gelb hänge mit seiner psychischen Krankheit zusammen oder gar mit durch Leberstörung ausgelöster Xanthopsie („Gelbsehen“), spekulieren Kunstfreunde mit medizinischem Interesse (oder umgekehrt); andere sehen lieber eine autonome künstlerische Entscheidung – für Farben, die nicht „realistisch“ seien, sondern Gefühle wiedergeben sollen. Das wirkt bis heute – allerdings ist zu befürchten, dass die Wirkung schwindet.
Denn das Gelb in etlichen Van-Gogh-Bildern wird allmählich dunkler, brauner. Das liegt an einer chemischen Reaktion: Van Gogh verwendete für Sonnenblumen, Kornfelder etc. Chromgelb (Bleichromat, PbCrO4) als Pigment, und in dieser Verbindung wird das Chrom reduziert, von der Oxidationsstufe +VI auf +III.
Alterung im UV-Licht
Das hat ein internationales Forscherteam untersucht – zunächst an Proben aus historischen Farbtuben, die sie unter UV-Licht künstlich altern ließen. Mit aufwendiger Röntgenstrukturanalyse zeigten sie, dass circa zwei Drittel der Chromatome in der Oberfläche von Cr+VI zu Cr+III reduziert wurden, das dreiwertige Chrom liegt vor allem als Oxid (Cr2O3) vor, wahrscheinlich auch als Sulfat und Acetat. Dann analysierten sie winzige Proben von betroffenen Stellen zweier Van-Gogh-Bilder („Ansicht von Arles mit Schwertlilien“, 1888; „Ufer der Seine“, 1887): Es scheint, dass dort dieselbe Reaktion stattgefunden hat (Analytical Chemistry, 83(4), S.1214). Begünstigt wurde sie offenbar durch Mischung mit weißen Pigmenten, die Barium und Schwefel enthalten; der Schwefel dient wohl als Reduktionsmittel, aber der Mechanismus der Reaktion ist noch nicht aufgeklärt. Ob sie zu stoppen oder gar rückgängig zu machen ist, soll demnächst erforscht werden.
Entdeckt wurde das Chromgelb 1797 in Paris, daher heißt es auch Pariser Gelb. Es wird bis heute industriell verwendet, aber seit den 1980er-Jahren nicht mehr in Europa: Denn es ist giftig. Kunstmaler ersetzten es deshalb schon früher durch Azofarbstoffe. Man darf spekulieren: Ob eine Vergiftung durch Chromgelb – wie der Absinth – zu Van Goghs Zuständen beigetragen hat? Ob seine wilde Liebe zu Gelb womöglich vom Farbstoff selbst gefördert wurde?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2011)