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„Das kann nur schlecht ausgehen!“ Ja, kann es. Muss es aber nicht.

Dass Österreich noch nie eine erfolgreiche Revolution zustande gebracht hat, muss noch lange nicht bedeuten, dass auch alle anderen Staaten daran scheitern müssen.

Quergeschrieben

Selbstverständlich ist nicht alles ausgestanden. Vieles muss noch passieren, ehe in Tunesien und Ägypten Demokratie einkehrt; und selbst dann ist die Geschichte nie vorbei. Dennoch: Man kann es mit der Skepsis auch übertreiben. Es gibt, speziell in Österreich, eine destruktive Art von Skepsis, die hart an der Grenze zur Missgunst liegt.

„Das kann doch alles nix werden“: Das haben viele gesagt, seit es in Tunis losging. Aus österreichischer Sicht verständlich. Denn wenn man die Geschichte der letzten Jahrhunderte Revue passieren lässt, wird klar: Eine revolutionäre Erinnerung, die auch nur ein bisschen positiv besetzt wäre, existiert hierzulande nicht. In Österreich gab es Umwälzungen, die von Monarchen diktiert wurden, und solche, die dem Land nach militärischen Niederlagen von außen aufgezwungen wurden. Es gab Aufstände, die von der Staatsgewalt rasch erstickt wurden, und solche, die sich zerstörerisch gegen andere Menschen richteten. Eine Wende zum Besseren brachten sie nie.

Das ist keine historische Bilanz, auf die Österreich sehr stolz sein kann. Vielleicht haben jedoch andere mehr Glück, mehr Mut, mehr Hilfe. Dafür muss man sie nicht schlechtreden.

„In solchen Ländern funktioniert Demokratie nicht. Die sind nicht reif dafür.“ Sind sie nicht? Warum? Sind wir's? Es ist richtig, dass Demokratie nicht vom Himmel fällt und dass man sie lernen muss. Aber jede Nation kann sie lernen. Dass sie nur für ausgewählte Völker sinnvoll sei, während andere besser die Finger davon lassen sollten – bei solchen Unterscheidungen schwingt eine ordentliche Portion Rassismus mit.

„Das spielt doch alles nur den Islamisten in die Hände.“ Ja, so hat das Hosni Mubarak jahrzehntelang auch gesagt, aus purem Machtkalkül. Und Europa und die USA haben es ihm gern geglaubt – weil es uns erspart hat, genauer hinzuschauen. „Entweder wir oder die Islamisten“ ist ein Schlachtruf, der in den vergangenen Jahren viel Unheil angerichtet hat – und nur ganz selten wirklich stimmt. Ägypten hat gezeigt, wie viele andere Akteure es in arabischen Gesellschaften gibt: Geschäftsleute und Studentinnen, Tagelöhner und Lehrerinnen, Blogger und Bazaris. Diese Vielfalt zu ignorieren und aus jedem Muslimen einen potenziellen Islamisten zu machen heißt: den Islamisten mehr Macht geben, als sie tatsächlich haben.

Wenn Diktatoren fallen, dann kommen Migranten zu uns.“ Ja, so ist das. Ja, so war das auch nach den Revolutionen in Osteuropa. Und: Ja, so wird das immer sein, wenn Mauern niedergerissen werden und Stacheldrähte durchgeschnitten, wenn es keinen Schießbefehl an der Grenze mehr gibt. Wenn Menschen nicht mit Gewalt daran gehindert werden, Grenzen zu überqueren, werden sie Grenzen überqueren wollen – auf der Suche nach Arbeit, nach Lohn, den sie heimschicken können, um ihre Kinder zu ernähren und deren Ausbildung zu finanzieren.

Man kann diese Ambition als einen wesentlichen Motor der Menschheitsgeschichte identifizieren. Man kann sich aus gegebenem Anlass daran erinnern, wie das nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war – und wie viel die polnischen oder slowakischen Migranten zum Zusammenwachsen Europas beigetragen haben. Jene, die kamen; jene, die zurückgingen; jene, die weiterzogen; und jene, die hierblieben, auch. Warum sollte das bei den Tunesiern ganz anders sein?


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2011)