Zwei Anthropologen warnen: Aus anatomischen Ähnlichkeiten kann man nicht eindeutig auf Verwandtschaft schließen. So sei die Stellung etlicher Fossilien völlig ungewiss.
Wo ist es denn, das „Missing Link“ zwischen Affe und Mensch? Bis heute stellen Kreationisten hämisch diese Frage – und weigern sich zu akzeptieren, wie viel wir – vor allem aus genetischen Vergleichen – über die Evolution des Menschen wissen. Die Frage ist auch insofern naiv, als das „Missing Link“ im strengen Sinn genau jenes Individuum sein müsste, das der letzte gemeinsame Ahn der heute lebenden Menschen und Schimpansen war, von dem also beide „Linien“ abstammen. So ein Individuum muss einmal – vor vier bis acht Millionen Jahren – gelebt haben; es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass just seine Knochen unter den raren Fossilien sind.
Als „Missing Link“ wurde z.B. 1961 der Ramapithecus brevirostis interpretiert: als unmittelbarer Vorfahre sämtlicher Homininen, also u.a. des Australopithecus, vor allem aber der ganzen Gattung Homo bis hin zum Homo sapiens. Dabei hatte man nur Kiefer und Zähne von ihm!
Die Einordnung basierte auf dem relativ kurzen Kiefer und den kleinen Eckzähnen des Ramapithecus – und folgte einer Idee Darwins: Wer Steinwerkzeuge verwendet, braucht nicht mehr so große Eckzähne. Erst der Fund eines weiteren Kiefers 1976 änderte die Stellung dieses Primaten: Heute halten ihn die meisten Anthropologen für einen Verwandten des Orang-Utan.
Auf vier Beinen oder auf zwei?
Den Systematikern machte es auch der erstmals 1872 beschriebene Oreopithecus bambolii schwer: Erst schloss man aus seinen langen Armen, dass er sich ganz äffisch „schwinghangelnd“ durch die Bäume bewegt habe; später ergaben Untersuchungen seines (kurzen) Beckens, dass er sich aufrecht auf zwei Beinen bewegt habe. Doch der Schluss, dass er uns daher nahestehe, war voreilig: Heute halten ihn manche für einen Hominiden (Menschenaffen), manche „nur“ für einen Hominoiden (Menschenartigen, dazu gehören auch die Gibbons), aber niemand für einen Homininen. Dass er wie wir auf zwei Beinen gehen konnte, spricht nicht für eine Nahverwandtschaft, sondern ist eine Parallelentwicklung. So wie sich z.B. Flügel mehrmals unabhängig voneinander entwickelt haben, so ist der aufrechte Gang mehrmals entstanden.
Aus diesen Fällen sollten die Anthropologen Vorsicht lernen, mahnen Bernard Wood und Terry Harrison, selbst Mitglieder dieser Zunft, in Nature (470, S.347):„Shared morphology need not mean shared history“, man dürfe nicht aus anatomischen Ähnlichkeiten voreilig auf die stammesgeschichtliche Stellung schließen. Etwa nicht aus den Zähnen: Auch Menschenaffen, die uns gar nicht nahe verwandt sind, können z.B. wie wir kleine Schneide- und Eckzähne haben.
Wood und Harrison beziehen sich explizit auf die laufende Debatte über „Ardi“ (kurz für Ardipithecus), ein wahrscheinlich weibliches Individuum, das vor 4,4 Millionen Jahren im heutigen Äthiopien lebte, über eine Million Jahre vor der berühmten Australopithecus-Frau „Lucy“. Ardi sei unsere Ahnin, behaupteten ihre Entdecker im Oktober 2009 in Science,und sie mache weite Teile des bisherigen Wissens über unsere Stammesgeschichte obsolet. Die Branche war aufgeregt, sogar die vorsichtige „Presse“ schrieb (mit leichter Ironie) von der „Mutter aller Mütter“.
Kaum ein Jahr danach war die Euphorie verflogen, und alles über Ardi stand zur Debatte: Ist sie aufrecht gegangen? Oder doch auf allen Vieren? Hat sie in der Savanne gelebt? Oder im Wald? War sie gar kein Hominide? Gehört sie in dieselbe Gruppe wie Orrorin und Sahelanthropus (noch zwei umstrittene Arten)? „Wir sagen nicht, dass diese Fossilien definitiv keine frühen Vorfahren der Menschen sind“, erklärt Harrison: „Aber es gibt etliche plausible Interpretationen.“
Heute, sechs bis acht Millionen Jahre nach dem Beginn der Auseinanderentwicklung von Homininen und Paninen (zu denen heute Schimpansen und Bonobos zählen), ist es leicht, Vertreter der beiden Gruppen an ihren Knochen zu unterscheiden. Aber früher waren sie einander eben näher und ähnlicher. Dazu kommen täuschende Ähnlichkeiten durch Parallelentwicklung. Kurz: Wer vorgibt, dass er einen Stammbaum der Homininen zeichnen kann, flunkert höchstwahrscheinlich. Wer Bilder von unseren Ahnen zeichnet, flunkert sicher.
Systematik: Menschenartige
Homo sapiens ist die einzige lebende Art der Homininen, zu denen die Gattungen Homo (z.B. Homo erectus) und Australopithecus zählen. Ardipithecus wurde zunächst zur Gattung Australopithecus gezählt, später bekam er eine eigene Gattung, andere wollen ihn mit Sahelanthropus und Orrorin zusammentun. Eines ist gewiss: Alle diese Wesen waren Hominoidea (Menschenartige), zu dieser Überfamilie rechnet man heute Menschen, Menschenaffen und Gibbons.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2011)