Adieu, Welt: Zu Gast beim eigenen Leichenschmaus?

Er war der Letzte einer Ära, hieß es in vielen Nachrufen auf Peter Alexander: Das ist wohl die größtmögliche virtuelle Grabbeigabe.

Ich habe den Vorzug, meine Nachrufe noch lesen zu können“, schrieb Thomas Gottschalk in einem Beitrag für die „Bild“-Zeitung, in dem er seinen Rücktritt als Moderator direkt mit Peter Alexanders Tod verglich. Das mag befremdlich, ja anstößig wirken, aber es ist eine tiefe Paradoxie und eine tiefe Sehnsucht: Gast beim eigenen Leichenschmaus, Zuhörer bei der eigenen Totenrede, Leser des eigenen Nachrufs zu sein, das ist ein großer Triumph über den Tod. Und urkomisch dazu, man denke an Tom Sawyer, der ganz gerührt ist, wie schön der Pfarrer nach seinem (vermeintlichen) Hinscheiden seine edelmütige Natur schildert.

Über die Toten nichts als Gutes, heißt es, und wer würde nicht gern nur Gutes über sich selbst hören? Die radikalste Lösung ist es, sich den eigenen Nachruf selbst zu schreiben, noch im Leben auf dieses zurückzublicken. Das tat der Wiener Musikkritiker Franz Endler, sein Nachruf auf sich selbst ist 2002 im „Kurier“ erschienen, wo er zuletzt Redakteur gewesen war. Posthum. Mit Namenszeile. So behielt er das letzte Wort: „Adieu, Welt.“

Wie hätte Peter Alexander die Flut der Nachrufe aufgenommen? Hätte er darüber gelächelt, dass ihn eine Zeitung auf dem Titelblatt „Alexander der Große“ und im Inneren „Peter der Große“ nannte? Gewiss gefreut hätte ihn ein Satz, der sich – in etlichen Variationen – in fast allen Nachrufen fand: Er sei der Letzte einer Ära gewesen, mit ihm sei eine Zeit „unwiderruflich“ zu Ende gegangen.

Das ist wohl die größtmögliche virtuelle Grabbeigabe: eine ganze Ära. Friedrich Torberg, der Mann, der das Abendland nicht nur in Anekdoten untergehen ließ, sondern auch in Nachrufen begrub, liebte solche Formulierungen. „Der letzte Vollmond eines untergegangenen Planetensystems ist erloschen“, schrieb er über Armin Berg. „Jetzt ist es endgültig vorbei“ über Karl Farkas, der „der unwiderruflich Letzte“ gewesen sei.

In einem weiteren Sinn trifft das auf alle Menschen zu: Mit jedem stirbt ein ganzes Universum, sein Universum. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, fragte Sigmund Freuds Leibarzt 1939 den Sterbenskranken, ob das jetzt wohl der letzte Krieg sei. Freud antwortete knapp: „Mein letzter Krieg.“

„Bleibt mir irgendetwas, jetzt, wo's vorüber ist?“, schrieb Franz Endler. Der Glaube, dass etwas bleibt, dass man woanders vielleicht gar den Nachruf auf sich selbst lesen kann, spricht aus einer Anekdote, die von einem einstigen „Presse“-Kollegen Endlers, von Hans Haider, überliefert ist. Ihn rief einmal eine Leserin an, die beklagte, dass ein von ihr erhoffter Artikel noch nicht erschienen sei. Sie sei schon so alt, sagte sie im halben Ernst, ob sie das Erscheinen noch erleben werde? „Da kann ich Sie beruhigen, gnädige Frau“, tröstete sie Haider: „Nach allem, was wir vom Himmel wissen, liest man dort die ,Presse‘.“

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2011)

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