Jubel für die Sänger, Buhrufe für die Regie - die Premiere von Mozarts "Figaro" in der Staatsoper verlief, so scheint es, nach einem altvertrauten Muster. Die Musik hat gefallen, die Inszenierung ist durchgefallen.
Vielleicht darf man die Dinge doch auch ein wenig anders sehen und hören? Zum Beispiele so: Szenisch ist der neue Wiener "Figaro" ein detailverliebt durchgearbeitetes Theater-Erlebnis in ästhetisch anspruchsvollen, beziehungsreichen Dekors. Und musikalisch gäbe es hie und da ein paar kritische Anmerkungen zu machen.
Der Reihe nach. Wiens neuer Generalmusikdirektor hat die musikalische Einstudierung betreut. Franz Welser-Möst als Mozart-Dirigent, das heißt: Anknüpfen an wienerische Spieltraditionen mit den gewohnten Tempi, aber in höchst eloquenter Phrasierung, klangschön und quecksilbrig agil musiziert von einem voll konzentrierten und ebenso engagierten Orchester. Ein wenig selbstverliebt geht es da zuweilen vielleicht zu, ein wenig zu philharmonisch, als dass sich - vor allem gegen Ende zu - immer die volle Harmonie mit der Bühne, mit den Sängern einstellte. Der eine oder andere unter den Solisten hat der sehr rigiden Führung Tribut zu zollen. Erwin Schrott vor allem, der einen virilen Kraftlackel von einem Grafen Almaviva gibt, in der einzigen Arie, die Mozart ihm gönnt aber hörbar an technischen Grenzen stößt.
Sylvia Schwarz auch als Susanna, die zwar vokal so quicklebendig agiert wie szenisch, deren Stimme aber hie und da im Orchester-Schönklang unterzugehen droht. Im übrigen freilich erfüllt die Figaro-Besetzung, ganz im Gegensatz zur jüngsten Don Giovanni-Premiere, viele Voraussetzungen für einen exzellenten Mozart-Abend. Da ist der Cherubin von Anna Bonitatibus, die eine apart-klangvolle, farbenreichen Mezzo hören lässt, den sie vor allem in der Canzonetta des zweiten Akts raffiniert auch im Pianissimo-Bereich zu modellieren versteht.
Dorothea Röschmanns Gräfin, hinreißend warm und abgedunkelt in der melancholisch verhangenen Kantilene der Auftrittsarie, von einigen unnotwendigen Ängsten über hohe Töne geplagt, die dann doch leuchten.(Die heiklen Koloraturen im Terzett des zweiten Akts überlässt sie nicht, wie's oft der Brauch, Susanna, wählt aber die Alternativ-Fassung, um nicht zum hohen C vordringen zu müssen.)
Den Titelhelden gibt Luca Pisaroni. Er feierte sein Haus-Debüt, sang und agierte nicht minder energetisch als sein Herr Graf, strotzend von sicht- und hörbarem Tatendrang. Seine Solo-Szenen sind voll Saft und ledenschaftlicher Expression. Und die Konfrontation mit dem ungeliebten adeligen Gegenspieler im dritten Akt spitzt sich mit einer Brisanz zu, die kaum je in einer Figaro -Aufführung erreicht wird.
Die Klänge des Fandango hemmen die Eskalation des Konflikts, der da unausgesprochen, aber umso unausweichlicher schwelt, noch einmal. Wie lange noch?
Jean-Lous Martinoty hat das inszeniert. Er denkt, das spürt man, sobald man sich auf die ungemein kleinteilig und detailverliebt gearbeitete Regie einlässt, historische Dimensionen ebenso mit wie die Vorgeschichte, die Da Ponte und Mozart nicht verarbeitet, aber gekannt haben: Die Gräfin, das ist die Rosina aus dem Barbier von Sevilla, Soran Coliban singt als polternder Bartolo die Arie über die Vendetta sozusagen als eine Person aus beiden Stücken. Die Beziehung zwischen dem Vormund und seinem ehemaligen Mündel wird in der Personenführung so plastisch wie viele gern unterspielte (oder traditionell zurechtgebogene) Momente der Figaro-Handlung, etwa das Spannungsverhältnis zwischen Susanne und dem Grafen. Mozart hat den Duett-Beginn in herbes a-Moll getaucht. Darin steckt alles andere als insgeheime Sympathie, die das Mädchen mit dem geplanten Seitensprung empfinden könnte. In Wien ist (vorerst) auch nichts mehr zu sehen davon. Vorerst, denn gewöhnlich schleifen sich derlei Inszenierungs-Finessen mit fortdauerndem Repetoire-Betrieb ab.
So war es zuletzt bei Ponnelle, von dessen frechem Regie-Konzept seit Jahren nichts mehr zu sehen war. Was bleibt, sind die Bühnenbilder. Und die sind im Falle der für Wien neuen Dekoration Hans Schavernochs von durchaus zukunftsträchtigem Zuschnitt. Man führt uns in eine bewegte Bildergalerie. Die optischen Reize des Stücks werden durch Assoziationen in Werken der Bildenen Kunst überhöht, subtil strömen Elemente der gezeigten Malereien ins Geschehen, können Bild-Sujets als Kommentare und Anregungen zum Weiterdenken empfunden werden.
Man kann in diesem Ambiente auch weniger detailversessen als diesmal agiern (mit der urkomischen Marzelline von Donna Ellen, Benjamin Bruns und Benedikt Kobel als prägnante Charaktere Basilio und Curzio); man kann darin auch sozusagen al fresco den Figaro spielen. Wir werden es erleben.
Will man Martinoty etwas vorwerfen, dann müsste es sein horror vacui sein. Das Synchronisations-Doppelspiel der verkleideten Damen in Susannas Rosen-Arie ist so unnütz wie die Tatsache, dass während großer Arien ununterbrochen irgendwelche Darsteller die Bühne bevölkern. Es gibt ja vielleicht doch auch eine Poesie des Allein-Seins auf der Szene, sobald ein Komponist einem Sänger - und dem Publikum - einen Monolog zugesteht.
Wie auch immer: Auch dieser Figaro wird sich irgendwann ausnehmen wie die 48. Repertoireaufführung der Ponnelle-Produktion von 1977. Wir werden dabei aber gottlob nicht in einen jener unästhetischen Regietheater-Raumausstattungen schauen müssen, die sich die Buh-Rufer offenbar herbeisehnen.