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Aarhus: Die Stadt, die ihren Kringel abgab

Stadt ihren Kringel abgab
(c) AP (Gregers Tycho)
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Man stelle sich vor, Sankt Pölten, Mödling, Vöcklabruck oder Kärnten wechselten ihre Namen, weil man Umlaute in der weiten Welt meist nicht kennt. In der zweitgrößten Stadt Dänemarks ist genau das jetzt passiert.

Fritz Frederiksen steigt die Leiter hoch, dreht Schrauben heraus, die letzte ist so rostig, dass nur der Hammer hilft. In zwei Minuten hält er das alte Ortsschild in den Händen, stellt es auf den kalten Boden und nimmt das neue, um es zu montieren. Die Autos, die im Frühverkehr an dem Mann vom Straßenbauamt vorbeiziehen, befinden sich ab jetzt in der Stadt Aarhus. Und nicht mehr – wie noch gerade eben – in Århus.

Dänemarks zweitgrößte Stadt (300.000 Einwohner) hat große Pläne, möchte in Peking, Delhi oder Los Angeles ebenso bekannt werden wie jetzt schon in Oslo oder Hamburg. Europäische Kulturhauptstadt 2017 möchte man werden, im Sommer ist man Gastgeber der Fußball-EM für die U21-Liga. Und wenn man für die Bekanntheit einen Teil seiner Identität opfern muss – sei's drum! Also hat die Stadt jüngst ihren Namen von Århus in Aarhus gewechselt.

Den Ring über dem A, der daraus das sogenannte „bolle-A“ macht, das „Kringel-A“, das sehr dunkel und eher wie ein „O“ ausgesprochen wird, tauschte man jüngst gegen ein schlichtes Doppel-A. Damit, so hofft man, können Nichtdänen mehr anfangen.

 

„Leichter mit der Welt kommunizieren“

Treibende Kraft hinter der Namensänderung war Oberbürgermeister Nicolai Wammen (40). Seit sechs Jahren ist er im Amt, ein Mann, der weiß, was er will. „Aarhus“, sagt er in seinem großzügigen Büro im vom berühmten Architekten Arne Jacobsen entworfenen Rathaus, „sei eine führende Universitätsstadt in Europa, zudem weltweites Zentrum für Windenergie. Indem wir unsere Schreibweise ändern und unseren skandinavischen Buchstaben Å aufgeben, können wir leichter mit der Welt kommunizieren, ein jeder kann uns finden.“ Führende Unternehmen der Stadt, vor allem aber die Universität hätten sich dafür ausgesprochen, ja die Politiker hätten sogar gedrängt. In Zeiten der Globalisierung sei es wohl viel einfacher, sich zu vermarkten, wenn man sich an international gängige Buchstaben halte.

Eine Auffassung, die auch der Kommunikationschef des städtischen Kunstmuseums Aros, benannt nach dem ursprünglichen Wikinger-Namen von Aarhus, teilt. „Natürlich“, sagt Bjarne Bækgaard, „sind es unsere Ausstellungen, die das Publikum anlocken. Aber die Vereinfachung des Stadtnamens macht es jedermann, der international tätig ist und kommuniziert, viel einfacher, sein Publikum zu erreichen.“

In der größten Werbeagentur von Aarhus teilt man diese Auffassung aber nicht. Peter Boe, Marketingexperte bei Envision, muss lächeln über das Räsonnement des Oberbürgermeisters und seiner Leute. „Im Branding geht es nicht um Anpassung, sondern Unterscheidbarkeit“, sagt Boe.

In der Werbebranche versuche man stets, das Besondere eines Kunden hervorzuheben. Man suche nach seinen Eigenheiten, die niemand sonst zu bieten habe. Insofern, schließt Boe: „Würden wir den Auftrag erhalten, Aarhus international zu vermarkten, würden wir gerade die skandinavische Besonderheit des Namens ins Visier nehmen. Das A mit dem Kringel wäre der Schwerpunkt unserer Kampagne.“

 

Man nimmt München doch auch nicht das Ü

Und was sagen die Aarhusianer selbst? Viele schütteln den Kopf, wenn man sie in der Fußgängerzone auf das Thema anspricht. Für die Älteren von ihnen ist es eine Rückkehr zur alten Schreibweise, wurde das Å doch erst durch die Rechtschreibreform 1948 eingeführt. Dennoch sehen die meisten Bürger in der Namensänderung eine unnütze Reform. „In Deutschland verändert man doch auch nicht den Namen Münchens, nur weil man im Ausland kein „Ü“ hat“, sagt Mads Jönsson. Und auch die Passantin Linette Knickering ist wenig begeistert: „Das kostet doch viel Geld – das Briefpapier und all diese Dinge zu verändern. Wozu?“ Tatsächlich belegen von Meinungsforschern durchgeführte Umfragen, dass knapp 60 Prozent der Aarhusianer der Namensänderung skeptisch gegenüberstehen. Vielleicht grassiert unter ihnen ja auch einfach die Angst: Denn wo soll das alles enden? Müssen künftig alle skandinavischen Sonderbuchstaben dran glauben und all die Sørensens, Æbildgaards oder Åses ihre Namen wechseln? Wird der Frisør zum Coiffeur? Grønland aus dem Königreich verstoßen? Und dem Hofleverandør, dem königlichen Hoflieferanten, gekündigt, weil sein Name international nicht vermarktbar ist?

So weit wird es wohl nicht kommen. Immerhin ein Ziel hat Aarhus schon heute erreicht: Mit der Namensänderung ist man von der letzten an die erste Stelle des dänischen Städteregisters gerückt. Doch selbst davon lässt sich Zukunftsforscher Jensen nicht überzeugen – denn „würden Sie jemals einen Handwerker engagieren, der an erster Stelle des Branchenbuches steht? Dort also, wo sich alle Betrüger tummeln?“

 

Die Anbindung zählt

Nein, für Jensen zählen andere Kriterien, die Städte im globalen Wettbewerb voranbringen. Etwa deren internationale Anbindung. Aber auch da hinke Aarhus im Nordosten der Halbinsel Jütland hinterher: „Was passiert denn, wenn die Welt uns tatsächlich entdeckt? Nahezu jede Stadt hat einen Flughafen, zumindest in der Nähe. Nur unserer liegt ganz weit auf dem Lande!“

Den Kollegen Frederiksen vom Straßenbauamt dürfte all das wenig interessieren. Er muss sich um seinen eigenen Namen keine Sorgen machen und hat noch Dutzende Ortsschilder zu wechseln. „Moderne Zeiten“, kommentiert er schulterzuckend die Umtaufe. Und dass Oberbürgermeister Wammen inzwischen verkündet hat, sein Amt aufzugeben und demnächst ins Kopenhagener Parlament wechseln zu wollen, bringt ihn auch nicht wirklich aus der Ruhe.

LEXIKON

Aarhus (300.000 EW) liegt im Nordosten von Jütland. Früher schrieb man es „Århus“, aber das Å wurde jetzt aufgegeben. [aarhus.dk]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2011)