Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Royale Seifenoper: "The King's Speech"

(c) REUTERS
  • Drucken

Tom Hoopers "The King's Speech" ist schauspielerisch solides Historienkino mit Wohlfühlgarantie. Der Film über die Sprachtherapie des zukünftigen Königs George VI. läuft seit 18.Februar in den heimischen Kinos.

Der Film verströmt zuallererst den Geschmack der Erinnerung an Sonntagnachmittagsfernsehen, begleitet idealerweise von Plätzchen und jedenfalls einem „cuppa tea“, wie es auf Englisch so schön heißt. Das Teestunden-Divertissement heißt The King's Speech und ist ein vor allem schauspielerisch solides Stück altmodisches Historienkino. Und außerdem mit zwölf Nominierungen Favorit für die Oscar-Gala am 27.Februar.

Zugegebenermaßen hat man es heuer mit einer Filmpreissaison ohne überwältigende Kinoereignisse zu tun. Dennoch belegen die Academy Awards, dass der Film einen Nerv getroffen hat – auch an den Kinokassen ist er ein Erfolg: Die mit 15Millionen Dollar relativ preiswerte britische Koproduktion hat schon längst mehr als das Zehnfache ihrer Kosten eingespielt. Wohl, weil die prototypische Prestigefilm-Formel mit jenem monarchischen Glanz aufgewertet wird, der zuletzt auch Filme wie Stephen Frears' The Queen zu Hits gemacht hat: Wie dort geht es in The King's Speech eigentlich um die Rettung des Königshauses durch einen Mann aus dem Volk, allerdings ist die Ironie diesmal weniger dick aufgetragen. Wozu auch? Die Geschichte des Hauses Windsor hat sich als edelste Version einer „Reality“-Seifenoper schon lange bewährt.

 

George VI. wird von Beklemmungen erlöst

Diesmal bekommt sie allerdings einen Zug in Richtung royale Sitcom: Ein scheuer Prinz, der sich stotternd bei der ersten großen Rede vor dem Volk blamiert hat, wird durch seinen Sprachtherapeuten gerettet und führt die Nation zum Sieg. Tom Hooper, ein TV-Veteran im Kinoregiestuhl, hat den Kern der Geschichte erkannt und stellt die komischen Kammerspielsituationen in den Vordergrund, in denen der introvertierte britische Königssohn von einem australischen – und entsprechend protokollverletzungsfreudigen – Spezialisten schrittweise von seinen Beklemmungen erlöst wird. Die oft amüsanten Duelle der beiden sind so etwas wie die geadelte Version der TV-Serie „In Treatment“ (Der Therapeut): Der große Befreiungsschlag ist denn auch die Szene, als sich der Prinz in eine gar nicht majestätische Tirade von four letter words steigert. (Eine Herausforderung für die Synchronisation.)

Hoopers Film verdichtet – mit einigen historischen Freiheiten – die Geschichte des zukünftigen Königs George VI., von Colin Firth introvertiert, aber einnehmend verkörpert: Den Weg vom blamablen ersten Auftritt vor dem Mikrofon im Wembley-Stadion 1925 zur „Symbolfigur des Widerstands“ mit seinen Radioansprachen gegen die Bedrohung durch Hitler legt der Schauspieler als sorgfältige Kleinarbeit mit neurotischen Ticks an. Seine Entwicklung verkörpert auch die Strategie des Films, der sich durchaus seinen Jux mit dem Königshaus macht, letztlich aber dessen Vermenschlichung feiert: Sind wir nicht alle wie der arme reiche Prinz, der lernen muss, sich zu überwinden?

 

„Bertie“ Windsor im Weitwinkel

Die Lektion gewinnt jedenfalls durch die Gegensätzlichkeit des prinzlichen Widerparts an Heiterkeit: Die Extrovertiertheit von Geoffrey Rush als unorthodoxem Sprachtherapeuten Lionel Logue wirkt noch stärker im Umfeld knappen erzbritischen Understatements. Wie zur Kompensation wird viel mit Weitwinkelobjektiven gefilmt, welche die Visagen leicht verzerren; dass der Film vor allem in Innenräumen spielt, entspricht wiederum den Einschränkungen, denen sich der künftige König ausgesetzt sieht – noch ist er der komplexbeladene „Bertie“ Windsor (ein Spitzname, dessen Verwendung durch Logue ihm zunächst schwer aufstößt).

Im mit bewährten Charakterdarstellern skizzierten Umfeld wirkt der übermächtige königliche Vater (Michael Gambon) wie der Grund für die Sprachstörung des Sohns, obwohl dessen großer fäkaler Wortausbruch auch andere psychologische Deutungen nahelegt. Letztlich geht es in The King's Speech aber um Psychologie oder Historie: Der entscheidende Verzicht des älteren Bruders (Guy Pearce) auf den Thron für die Ehe mit einer mehrfach geschiedenen Amerikanerin bleibt im Hintergrund, Winston Churchill verhält sich nicht den Geschichtsbüchern entsprechend (und wird von Timothy Spall in wenigen Auftritten so überzogen dargestellt, dass sich die Rampensau Rush neben ihm wie Clint Eastwood ausnimmt). Vielmehr ist es ein Kabinettstück über Schauspiel: eine sozial auf den Kopf gestellte Version von Shaws „Pygmalion“ (wie in dessen Verfilmung My Fair Lady soll der Prinz anfangs mit Murmeln im Mund trainieren).

Der alte König schimpft angesichts der Malaise seines Sohns, dass die Thronerben durch öffentliche Auftritte auf den Status einer höchst unwürdigen Spezies reduziert werden: wie die Schauspieler! Die Pointe kommt, wenn sich der Therapeut als ebensolcher entpuppt. Abgesehen von ein paar solcher selbstreflexiver Spitzen tut dem Wohlfühlkino hier freilich nichts Abbruch: Wenn am Ende Logue seinen „Bernie“ vor dem Mikrofon buchstäblich zur patriotischen King's Speech dirigiert und die Musik triumphal anschwillt, ist alle Differenz im beiderseitigen Menscheln aufgehoben (und Helena Bonham-Carter als pikierte Gemahlin lässt dem Helfer aus gemeinem Stande ihre Huld zuteil werden – der Abspann informiert dann über Logues hochoffizielle Beförderung zum Sir). Dabei wird das Überwinden eines Stotterns doch recht salopp zum Schwerthieb gegen Hitler stilisiert. Aber schließlich soll sich der Zuseher ja nicht an seinem Sonntagstee verschlucken.

Oscar-Favoriten im Kino

Noch acht Tage bis zu den Oscars, unmittelbar davor kommen drei der wichtigsten Kandidaten in die heimischen Kinos: „The King's Speech“ ist eben gestartet, das Historienstück hat die meisten Nominierungen (zwölf) und wird auch von den Buchmachern als klarer Oscar-Favorit gehandelt. Ebenfalls gerade angelaufen ist das Bergsteigerdrama „127 Hours“ mit James Franco (sechs Nominierungen); nächsten Freitag, 25.2., kommt noch der Western „True Grit“ (zehn Nominierungen) mit Jeff Bridges.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2011)

Mehr erfahren

Zum Thema

Rund 80.000 Österreicher stottern