Schnellauswahl

Libyen: Verliert Gaddafi die Kontrolle?

Elagori
(c) AP (Emily Spartz)

Nach Angaben von Exilgruppen ist die Stadt Al-Baida in der Hand der Opposition. Die Demonstranten lassen sich auch von brutaler Gewalt nicht abschrecken, die Opposition spricht von Dutzenden Toten.

Tripolis/Madrid. Die Lage in dem nordafrikanischen Erdölstaat Libyen gerät zunehmend außer Kontrolle: Die Demonstrationen gegen das Regime von Diktator Muammar al-Gaddafi (68) sprangen auf fast alle Städte im Osten und Westen des Landes über und mündeten in schwere Unruhen. Etliche Regierungsgebäude standen in Flammen. Die Polizei schoss mit scharfer Munition, zivile Gaddafi-Milizen stachen mit Messern auf Regimegegner ein.

Am Freitagnachmittag drangen erste Meldungen nach außen, die darauf hindeuteten, dass das Regime kippen könnte. Nach Angaben von zwei oppositionellen Exilgruppen übernahmen Demonstranten die Kontrolle in Al-Baida, einer 300.000 Einwohner zählenden Stadt im Osten des Landes. „Al-Baida ist in der Hand des Volkes“, gab ein Sprecher der „Libyschen Menschenrechtssolidarität“ in Genf bekannt. Polizisten hätten sich auf die Seite der Demonstranten geschlagen.

 

Massaker in Großstädten

Die Opposition spricht von Dutzenden Toten. Allein in der zweitgrößten libyschen Stadt Benghazi sollen nach Angaben von Einwohnern bisher etwa 50 Menschen umgekommen sein, in Al-Baida 35, in Derna zwölf, in Ajdabia mindestens sechs. Auf Amateurvideos im Internet sieht man Tote auf den Straßen, und Menschen, die im Kugelhagel zusammensinken.

Die Informationsbeschaffung ist sehr schwierig, da Gaddafi das Drama mit einer eisernen Nachrichtenblockade totschweigen will: Internet, Telefonlinien und Strom wurden vielerorts abgeschaltet. Vor allem über Twitter und mithilfe von Handyvideos auf YouTube versuchen Regimegegner, Dutzende kleiner Revolutionsszenen in die Welt zu senden, solange es noch funktioniert.

Die schlimmsten Massaker gab es offenbar in den beiden Großstädten Benghazi (700.000 Einwohner) und Al-Baida an der östlichen Küste Libyens. Ärzte des Krankenhauses Al-Baida setzten via Twitter Notrufe ab. „Wir brauchen dringend Medikamente und Verbandsmaterial, helft uns bitte.“ Laut „Human Rights Watch“ liegen im Krankenhaus Al-Baidas mindestens 70 Menschen mit Schussverletzungen.

Die Beerdigungen der Opfer in Al-Baida verwandelten sich in neue Demonstrationen, auf denen die Menschen skandierten: „Nieder mit dem Regime. Gaddafi, hau ab!“ Ähnliche Szenen spielten sich im 200 Kilometer entfernten Benghazi ab. Auch Dutzende Anwälte und Richter protestierten dort für Reformen und gegen Korruption. Benghazi und Al-Baida galten schon immer als Zentren der Opposition, weil die dortigen Stämme Gaddafi nicht unterstützen und deswegen mit einem Entzug von Investitionen bestraft wurden.

In der schwer bewachten Hauptstadt Tripolis (1,6 Millionen Einwohner) kam es bisher nur zu kleineren Anti-Gaddafi-Protesten. Dafür sorgt hier die Propaganda-Maschinerie des libyschen Despoten, der seit 42 Jahren an der Macht ist, dass doch noch die erwünschten Jubelbilder durch die Welt flimmern: Gaddafi gönnte sich ein öffentliches Bad in der Menge, unter den Anhängern seiner „Volksherrschaft“, die seit Tagen mit den grünen Fahnen der Gaddafi-Revolution und großen Bildern ihres „Revolutionsführers“ durch die Innenstadt ziehen. In vielen anderen Städten gingen derweil Gaddafi-Fotos in Flammen auf.

 

Gaddafi-Denkmal niedergerissen

Viele Gebäude der lokalen „Revolutionskomitees“, in denen Gaddafis Stadtfürsten herrschen, wurden mit Brandsätzen angegriffen. Auch Kommissariate und Polizeiwagen brannten, wie Augenzeugen berichteten.

Auf einem Video ist zu sehen, wie Demonstranten in dem Ort Tobruk, im Osten des Landes, ein Gaddafi-Denkmal niederreißen, mit dem das vom ihm verfasste „Grüne Buch“ seiner wirren Wüstenrevolution verherrlicht wurde. Auch aus den Orten Zentan, Ajdabia, Derna und Rijban wurden schwere Unruhen gemeldet.

Das alles spricht dafür, dass die Unterdrückungstruppen Gaddafis die Kontrolle verlieren. Die staatstragende libysche Zeitung „Al-Watan“ meldete derweil, dass der Gaddafi-Spross Al-Saadi, der bisher vor allem als Fußballprofi und Filmproduzent aufgefallen ist, nun im rebellischen Ost-Libyen die vernachlässigte Infrastruktur auf Vordermann bringen soll. Sein jüngerer Bruder Mutasim Billah steuert als Chef des nationalen Sicherheitsrates die blutige Niederschlagung des Aufstandes.

Der Hoffnungsträger des Westens, Gaddafi-Sohn Saif al-Islam, ist hingegen von der Bildfläche verschwunden. Er war immer wieder für Demokratisierung eingetreten. Doch falls Gaddafi den Kampf mit seinem Volk verlieren sollte, dürfte wohl gleich die ganze Herrscherfamilie verjagt werden.

Auf einen Blick

Unruhen in Libyen. Im Osten des Landes tobt ein Aufstand gegen Diktator Gadhafi. Oppositionelle wollen die Stadt Al-Baida unter ihre Kontrolle gebracht haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2011)