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Argentinien: Rinderkrise im Land der Steaks

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Fleischhauer(c) AP

Der Stolz der Argentinier wird für diese zusehends unerschwinglich: Die Preise für ihr berühmtes Rindfleisch explodieren, seit Viehzüchter in eine hausgemachte Krise schlitterten.

Es ist ein wahres Prachtstück, das da auf dem Teller liegt. 14 Zentimeter breit, zweieinhalb Zentimeter dick, eine knusprig dunkelbraune Delikatesse vom Grill, dessen Rost sich in breiten schwarzen Streifen auf der Oberseite abzeichnet. Im „Chiquilín“, Ecke Sarmiento und Montevideo, im Zentrum von Buenos Aires, servieren sie es mit einem kleinen Schnitz gegrilltem roten Paprika darauf. Ein hübscher Zierrat, aber unwesentlich, sobald die Zähne des Tramontina-Steakmessers sich dem zartrosa Kern entgegenarbeiten.

„Ojo de Bífe“ heißen die Argentinier diesen würzig duftenden Schnitt, den die Wiener Küche als „Beiried“ kennt. Solang dieses Gustostück vom Angus-Rind aus traditioneller Weidemast, begleitet von einem gepflegten Malbec, in kleinen Portionen den Gaumen passiert, ist die Welt noch schwer in Ordnung. Doch der Unfriede kommt mit der Rechnung. Umgerechnet etwa 15 Euro kostet ein gepflegtes Steak heute in den besseren Parillas (Grillrestaurants) von Buenos Aires, Beilagen, Salat und Getränke gehen extra. Aus europäischer Warte mag sich das nicht besonders skandalös lesen, aber in einem Land mit einem Durchschnittslohn von etwa 700 Euro im Monat ist so ein Ojo de Bífe inzwischen Luxus.

Und das liegt beileibe nicht an der Gier der Gastwirte. In allen Fleischhauereien zwischen Feuerland und Formosa stiegen im Vorjahr die Preise in drei gewaltigen Schüben von jeweils 30 Prozent. Am Jahresende kostete der Lungenbraten etwa 70 Prozent mehr als im Jänner. Und das Asado de Tira, der deftige Rippenschnitt, der alle Grillplatten krönt, stieg gar um 130 Prozent in einem Jahr. 130 Prozent!

Wer die Gründe dafür mit eigenen Augen sehen will, muss sich in den tiefen Westen der argentinischen Hauptstadt bemühen. Umgeben von ärmlichen Vierteln und Armenvierteln erstreckt sich der Mercado de Liniers, der größte Viehmarkt der Rinderrepublik. Ein von betagten Klinkerbauten und -mauern eingefasstes Gelände voller weiß getünchter Gatter und Gitter. Brücken überqueren die Gehege, von dort oben begutachten die Aufkäufer der Schlachthäuser und Supermarktketten die von berittenen Treibern eingebrachten Kälber und Jungbullen.

Es ist ein Riesengelände, groß wie der Tierpark Schönbrunn, noch vor fünf Jahren wurden hier 15.000 Rinder an einem Tag verhökert. Vorigen Donnerstag wurden gezählte 27 Tiere angeliefert, der Handel musste ausgesetzt werden. Solch schwache Tage hat es in der hundertjährigen Geschichte des Marktes gewiss schon mehrere gegeben. Aber so schwache Jahre wie das vorige noch nie. „Wenn hier mal wieder 10.000 auftauchen, dann lass ich die Sektkorken knallen“, verspricht Mari, die Wirtin des Beisels mitten im Markt. 6000, 7000, das sind momentan die höchsten Ziffern.

Grillen ist alles. Es fehlen die Viecher, am Markt und beim Mäster. Argentiniens Feed-Lots, die seit etwa zehn Jahren die Kälber für den nationalen Konsum mit Mais vollstopfen, seien nur noch zu vierzig Prozent ausgelastet, die Schlachthöfe operieren bei etwa 70 Prozent, sagt der Consultant Victor Tonelli, der in Argentiniens Viehsektor alles und jeden kennt. Die Gründe für die Misere? „Die suchen Sie in der Casa Rosada“, sagt er.

Das ist der Regierungspalast am östlichsten Ende der Stadt. Das „rosa Haus“ bekam einst seine Farbe, weil irgendein Baumeister dereinst die Tünche mit Blut gestreckt haben soll. In kaum einem anderen Land der Welt hatten Rinder staatstragendere Bedeutung als in Argentinien, jenem lange vernachlässigten Landzipfel Südamerikas, dessen große Zeit Ende des 19. Jahrhunderts begann, nachdem die Kühlschiffe erfunden wurden, die Beef nach Britannien schippern konnten.

Hinter den rosa Mauern präsidiert seit 2003 das Regentenpaar Kirchner. Der im Oktober verstorbene Néstor und seine Gattin Cristina konnten ihr deklariertes Privatvermögen während ihrer ersten sieben Amtsjahre um den Faktor 22,5 vervielfachen. Aber politisch standen sie aufseiten der Armen. In bester peronistischer Populistentradition achtete Néstor darauf, dass sein Gefolge stets genug zu grillen bekam.

Er subventionierte den Bau der Mastgehege und flutete so den Inlandsmarkt mit billigem Beef, das fader und fetter ist als jenes aus traditioneller Mast aus den endlosen Weiden des Landes. Benebelt von den Holzkohleschwaden, die jedes Wochenende ganze Barrios einhüllen, störten sich wenige daran, dass das maisgenährte Steak kaum noch nach Kuh schmeckte.


Die Könige des Fleischverzehrs. Fast 70 Kilogramm Rindfleisch stopfte jeder Argentinier 2006 in sich hinein, etwa sechsmal so viel wie die Menschen im Mutterland von Tafelspitz und Zwiebelrostbraten. Dass es jetzt 20 Kilo weniger sind, liegt nicht etwa an den warnenden Kardiologen. Es liegt an den Kirchners.

Nach dem Totalabsturz 2002 war Argentiniens Wirtschaft stark gewachsen, mit jährlichen Raten um neun Prozent. In der Folge stiegen die Preise, seit September 2005 ist die jährliche Inflationsrate zweistellig. Weil der Fleischpreis argentinischen Wählern aber ebenso wichtig ist wie den Statistikern, die den Warenkorb berechnen, zog die Regierung aus der wirtschaftspolitischen Rumpelkammer das Instrument der staatlich verordneten Höchstpreise hervor.

Ruiniertes Exportgeschäft.
Obendrauf verbot Kirchner monatelang alle Exporte – und das in dem Land, das lange Zeit mehr Steaks ausführte als alle anderen Staaten. Einmal funktionierte das. Doch schon das zweite Exportverbot 2008 verpuffte ohne Wirkung. Um die Früchte jahrelanger Arbeit gebracht, verkauften immer mehr Viehzüchter alle Tiere und verpachteten ihre Felder an internationale Soja-Konzerne. Weil die Regierung ihre Preisdeckelung nicht aufgeben wollte, griffen die verbliebenen Aufzüchter 2009 nach der Notbremse: Sie schickten die Mutterkühe auf die Schlachtbank. Nun fehlen nicht nur die Kälber, sondern vor allem die Kühe, die diese Kälber erst einmal gebären müssen.

„Bis 2014 wird sich der Sektor nicht erholen“, prognostiziert der Agro-Consultant Victor Tonelli. Und er sagt, dass die Zeiten des Billig-Beefs ein für alle Mal vorbei sein werden, denn gesunken seien die Preise am Silberfluss noch nie. Seinen Landsleuten weissagt er wahrlich Schlimmes: „Wir Argentinier werden Hühner essen und Schweine, so wie ihr in Europa.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2011)