Gemeindebaufestival: Im Wohnblock fliegen die Fetzen

Gemeindebaufestival Wohnblock fliegen Fetzen
Gemeindebaufestival Wohnblock fliegen Fetzen(c) Clemens Fabry
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Kreativität hineinbringen und Inspiration herausholen, das will das Gemeindebaufestival und widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe ganz der Mode und dem Wiener Kleidungsstil.

Seit 2006 gibt es das Gemeindebaufestival in Wien, und an der grundlegenden Absicht hat sich nichts verändert: Er wolle, meint Veranstalter Bernhard Tobola, einen Kontrapunkt zum meist eher trüben Bild vom sozialen Wohnbau setzen, indem er auf das dort geborgene kreative Potenzial aufmerksam macht.

„Ich bin selbst im Gemeindebau aufgewachsen“, kommentiert Tobola, „das ist sicherlich mit ein Grund für mich zu zeigen, dass das kein besonders schlechtes Lebensumfeld ist.“ Auf Musik, bildender und angewandter Kunst lag der Schwerpunkt in den vergangenen Jahren, in der aktuellen Version interessiert man sich für Mode. Als versierte Koordinatorin von „Mode:Block“ wurde die Designerin des Öko-Labels „Milch“ und Ko-Organisatorin des Modepalastes, Cloed Baumgartner, ins Boot geholt.

Hernals – Harajuku?
Der Startschuss für das aktuelle Gemeindebaufestival wurde streng genommen schon im Dezember abgegeben, in einer ersten Phase war man aber hauptsächlich im virtuellen Raum umtriebig: So wurde von einer Handvoll Beiträger ein Streetstyle-Blog erarbeitet, der Eindrücke in verschiedenen Wohnanlagen sammelte. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil in vergleichbaren Modefoto-Portalen immer auch Bilder von erstrebenswerten Ortschaften konstruiert werden: Die bekanntermaßen als „arm, aber sexy“ geltenden Berliner sind in diesem Genre ebenso prominent vertreten wie kunterbunte Cosplay-Kids im Tokioter Harajuku-Viertel. „Das wäre natürlich ein Wunschtraum gewesen, dass man so ein Phänomen in Wien entdeckt“, meint Baumgartner. „Die Krocha-Kultur wäre da ein Beispiel gewesen, die spielt aber kaum mehr eine Rolle.“

Weitere Programmpunkte sind ein bereits zweimal umgezogener temporärer Shop mit Gemeindebau-Fokus, eine für März geplante Theorieveranstaltung zum Thema „Stereotypenbildung in der Wiener Mode“, ein von Szeneveteran und, aktuell, TV-Juror Mario Soldo ausgerichtetes Flashmob-Defilee und irgendwann im Frühling eine große Party mit Tobola und Gaststars an den Plattentellern.

Bubble-up. „Für mich ist reizvoll“, so Cloed Baumgartner, „über Konzepte wie ,Pop-up-Store‘, bei denen viele eher an Avantgarde-Labels wie Comme des Garçons denken, oder auch das Insiderformat Modeblog die Gemeindebauschablone zu legen und sie so zu brechen.“ Ihren Einsatz für nachhaltige Mode bringt die Festivalkuratorin durch die Ausrichtung sogenannter Swap-Workshops ein, bei denen „wir der Wegwerfgesellschaft die Nase zeigen“ und Besucher eingeladen werden, Kleidungsstücke als Tauschobjekte mitzubringen, die vor Ort zu neuen Kreationen umgearbeitet werden. Kompetente Schützenhilfe kommt dabei von Walter Lunzer, der sich als Nähinstrukteur bereits bei sogenannten „Stitching Sessions“ einen Namen in der Szene gemacht hat: „Ich möchte die Besucher zu einem lustvollen Umarbeiten von Klamotten animieren, die sie ansonsten wegwerfen würden“, meint Lunzer, der auch darauf hofft, dass der verfügbare Kleidermix so breit wie möglich gefächert sein wird.

Je heterogener und kühner die Kombinationen, desto eher nähert man sich auch dem Phänomen an, das von Trendforscher Ted Polhemus in den Neunzigerjahren als „Bubble-up“-Prinzip bezeichnet wurde: Die High-End-Mode findet ihre Inspirationen in Sozialbiotopen oder Subkulturen, aus denen Impulse nach oben brodeln. „Im Gemeindebau treffen auf relativ engem Raum viele verschiedene Menschen aufeinander. Das kann natürlich aus der Perspektive des Modemachens interessant sein“, kommentiert Walter Lunzer, selbst Absolvent eines Modelehrgangs in Hetzendorf sowie der Universität für angewandte Kunst. „Neue Ideen entstehen oft aus solchen Spannungen.“

Freizeitgestaltung. Von den Festivalveranstaltern wurde übrigens auch angedacht, die Swap-Workshops nach Ende des Festivals den Wiener Wohnpartnern als mögliche Aktivität für Gemeindebaubewohner vorzuschlagen. Für Bernhard Tobola wäre das eine wichtige Option, „nämlich mit unseren Konzepten die Leute aufzufangen und Mut für neue Aktivitäten im Gemeindebau zu zeigen“, die auch dem Anliegen einer doppelten Stoßrichtung des Festivals entsprechen würde.

Den Einwand, dass bislang die meisten Festivalevents außerhalb des affichierten Terrains stattfinden, wischt Cloed Baumgartner vom Tisch: „Wir sind überall dort, wo die Bewohner sich aufhalten.“ Tobola erinnert sich indessen schmunzelnd an einen Slogan, der während des ersten Festivals auftauchte: „Wenn wir mit euch fertig sind, ist ganz Wien ein Gemeindebau, hat es damals geheißen.“ Was für die einen nach drohendem Unterton klingen könnte, ist vom beflissenen Veranstalter ohne Frage als großzügiges Versprechen gemeint.

Swap-Workshops
24.–26. 2. und 3.–5. 3. im Generali-Center.

Mode-Flashmob
Findet im Frühling statt, Veranstalter Mario Soldo ruft über Aushänge und die Festivalseite zum Casting auf.

Der Block im Netz
Informationen über alle Veranstaltungen, den Pop-up-Shop und die geplante Theoriereihe auf mode.gbfestival.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2011)

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