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C2C: Kreislauf statt Sackgasse

Kreislauf statt Sackgasse
(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com

Innovation und Nachhaltigkeit schließen rentables Denken nicht aus: Cradle to Cradle ist ein Prinzip, das auf den Gedanken des Upcycling setzt.

Es ist das Dilemma des bewussten Konsumenten: Ökobaumwolle, Fairtrade-Kaffee, Biodiesel. Was soll, was darf, was muss man kaufen? Der ständig wachsende Markt (vorgeblich) nachhaltig produzierter Ware sieht sich mit einem Paradox konfrontiert, und mit ihm der Verbraucher. Wer die Umwelt schützen, Ressourcen schonen und Abfall vermeiden möchte, sollte so wenig wie möglich konsumieren. Oder wenn es denn sein muss, dann bitte wenigstens richtig.

Gewissen und Geschäft. Weniger schlecht ist aber eben nicht gleich gut. Und reines Gewissen und rentables Geschäftsmodell müssen sich nicht ausschließen. Die Lösung könnte lauten: Cradle to Cradle (C2C), frei übersetzt: von der Wiege zur Wiege.

Michael Braungart, Chemiker, und William McDonough, Architekt, die gemeinsam die Firma McDonough Braungart Design Chemistry/MBDC gründeten, sind Erfinder dieses Prinzips, das nicht nur ein weiteres Etikett, sondern „die nächste industrielle Revolution“ sein will. Cradle-to-Cradle-Design verspricht gleichzeitig echte Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Rentabilität. Braungart nennt das eine „Triple Top Line“, also, um beim Englischen zu bleiben, eine Win-win-win-Situation für Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft. Voraussetzung dafür ist eine generelle Umstellung von Design- und Herstellungsprozessen, in denen Produkte und Prozesse so entwickelt werden, dass es keinen Abfall mehr, sondern nur noch nützliche Rohstoffe gibt. In einem geschlossenen Kreislauf werden alle verwendeten Materialien als technisch oder biologisch nützliche Stoffe erhalten, C2C ist damit eine reine Qualitätsfrage.

„Es geht um Effektivität, nicht um Effizienz, es geht nicht um weniger schädlich“, so Braungart. Das bringt nicht nur den Bonus des guten Gewissens, sondern auch einen wirtschaftlichen Vorteil. Der Kunde ist nicht mehr Konsument, sondern Nutzer bzw. „Change Agent“. Das Unternehmen wird zur Rohmaterialbank und ist deshalb daran interessiert, nicht die billigsten, sondern die besten Materialien zu verarbeiten. Das mag fürs Erste utopisch klingen, findet aber bereits zahlreiche Anwendungen.

Das österreichische Textiltraditionshaus Backhausen etwa hat mittlerweile seinen gesamten Produktionsprozess C2C-tauglich umgestellt, alle Chemikalien und Farbstoffe wurden neu entwickelt oder verändert. Eine Preissteigerung von etwa zwei Prozent hat Reinhard Backhausen im Endprodukt an den Kunden weitergegeben, trotzdem spricht er, neben dem Umweltbenefit, von Umsatzsteigerungen. Returnity, eine Namensschöpfung aus Return und Eternity, ist damit „der erste umweltfreundlich produzierte und zu 100 Prozent wieder verwertbare Stoff, der Stoff der vielen Leben“. Für dieses Produkt bekam Backhausen denn auch letzten April von Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner den Staatspreis Innovation überreicht.

Jeder Kunde erhält beim Kauf von Returnity einen Rückgabepass, der es ihm ermöglicht, den Stoff nach Verwendung weltweit zu retournieren. Ziel ist immer die Schaffung eines gleichwertigen oder gar aufgewerteten Produktes, also ein sogenanntes Upcycling. Oder wie Braungart es formuliert: „Ich möchte ja auch nicht immer als Meerschweinchen wiedergeboren werden.“ Allerdings, das muss auch Reinhard Backhausen eingestehen, wird das noch etwas dauern, bis man alle gesteckten Ziele erreicht hat: „Für die Herstellung eines gleichwertigen Stoffes braucht es einfach eine gewisse Menge an Rohstoff.“ Die Firma Backhausen hat für ihre Bemühungen das goldene C2C-Zertifikat erhalten, eine Auszeichnung, die bisher selten verliehen wurde, weil es nicht nur auf wiederverwertbare Materialien, sondern auch auf den Einsatz regenerativer Energien und soziale Unternehmensverpflichtungen ankommt.

Kontrollbedürfnis. Trotzdem gibt es auch hier die Gefahr des Etikettenschwindels, also eines bloßen Aufspringens auf den sehr angesagten und imagefördernden Nachhaltigkeitszug. Braungart sieht das ganz pragmatisch: „Wenn es zu schnelle Veränderungen gibt, gibt es immer auch ein Qualitätsproblem. Jetzt ist das einfach chic, und jeder will es machen.“ Er vertraut auf die Selbstkontrolle der Community und auf die Tatsache, dass Qualität, unabhängig von umweltideologischer Besetzung, messbar ist.

Noch arbeitet man daran, Beratung und Zertifizierung nicht zu vermischen. So vergibt die Environmental Protection and Encouragement Agency (EPEA), deren Geschäftsführer Braungart ist, gemeinsam mit der MBDC Qualitätszertifikate und berät bei der Umstellung auf C2C-taugliche Produktion. Um Interessenkonflikte zu vermeiden, setzt man auf das von Arnold Schwarzenegger unterstützte Californian Green Products Innovation Institute, bei dem in Zukunft jeder sein Produkt anmelden und unabhängig überprüfen lassen kann.

Im textilen Bereich bietet auch das Institut für Ökologie, Technik und Innovation in Wien Beratung und Unterstützung. Welche Materialien lassen sich kreislauffähig produzieren, wie macht man ein T-Shirt kompostierbar, welche Fördermöglichkeiten gibt es?

Mittlerweile hat auch die EU das Potenzial dieser Revolution erkannt; Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch stehen im Vordergrund des „Cradle to Cradle Network“. Von momentan zehn C2C-Regionen europaweit spricht Braungart; klarer Vorreiter sei Holland, dem deshalb auf dem noch bis 16. März in Berlin laufenden C2C-Festival ein Schwerpunkt gewidmet wird.

Vorzeigeprojekte. „Park 2020“ etwa, ein geplantes Büroareal in der Nähe des Amsterdamer Flughafens Schiphol, soll bald „the first full service Cradle to Cradle working environment“ der Niederlande werden. Nur ein Beispiel von vielen und eine mögliche Blaupause für Länder wie Indien und China. Anstatt zu warten, bis diese Länder dieselben Umweltsünden begehen wie andere Industriestaaten, braucht es Modelle, die Produktion und Entwicklung zulassen und gleichzeitig ganz neu mit dem Gedanken der Rohstoffverarbeitung umgehen. „Man muss aus Holz erst neue Möbel machen, dann Spanplatten, dann Papier und das Material erst nach mehreren Recyclingrunden verbrennen. Das ist C2C. Ökologismus ist nur so tun als ob“, sagt Braungart.

Pflicht und Kür. Auch deshalb sieht er gerade Länder wie Österreich in der Pflicht. Auch wenn es bereits zahlreiche Projekte und Netzwerke gibt, wie der kürzlich stattgefundene C2C-Kongress in Graz zeigte. Kaum ein Land hat seit den Siebzigerjahren so umfassende Umweltdiskussionen geführt. Und, so Braungart, „die Österreicher verstehen schließlich sehr gut den Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität. Wenn man zum Geschäftemachen den ganzen Tag im Kaffeehaus sitzt, ist das wahnsinnig ineffizient, aber ungeheuer effektiv.“

Aus diesem Prinzip ein global anwendbares, abfallneutrales Industriemodell zu schaffen, das ist wohl der wahrhaft revolutionäre Gedanke.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2011)