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Österreich - Die sterbende Skination

oesterreich sterbende Skination
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360 Grad. Immer weniger Menschen in Österreich fahren Ski, kleine Liftanlagen auf dem Land stehen vor der Pleite, dem ÖSV gehen die Nachwuchstalente aus: Eine nationale Identität ist in Gefahr.

Es ist ein soziales Erlebnis, in einem Gebiet wie dem niederösterreichischen Annaberg Ski fahren zu gehen. „Grüß Sie, kehren S' auch ein?“, fragt freundlich der Wiener in der Reidlhütte. „Ah, auch da“, grüßt der Niederösterreicher. Ein halber Skitag hat genügt, um mehr oder weniger jeden Skifahrer auf der Piste zu kennen.

Das mag menschlich nett sein, wirtschaftlich ist es für Annaberg eine Katastrophe. Und es ist auch symptomatisch für den Zustand der Skination Österreich: So wenige Menschen wie in diesem Winter sind noch nie Ski gefahren – und das nicht nur in Annaberg. „In zehn, 15 Jahren“, meint der Zukunftsforscher Andreas Reiter, „wird der klassische Skilauf tot sein.“

Man kann es hier in der Reidlhütte ahnen. Eher ältere Menschen, wenige Kinder, kaum Jugendliche. „Es war schon mehr los“, sagt die Dame an der Kassa. Die kleinen Skigebiete, die auf die Einheimischen angewiesen sind, sind die ersten Opfer des sinkenden Interesses. Den großen Gebieten – Kitzbühel, St. Anton, Gastein – geht es dank des touristischen Zustroms aus dem Ausland gut.

„Den Eltern fehlt der Bezug zu unserem Skigebiet“, klagt Annabergs Bürgermeisterin, Petra Zeh. Früher seien viele mit den Skikursen aus Wien erstmals hierhergekommen, später seien sie mit ihren Kindern angereist. Weil viele der heutigen Eltern nicht mehr Ski fahren, bringen sie es auch ihren Kindern nicht bei.

Das lässt sich in harten Zahlen ausdrücken: 2009 schrieb die Liftgesellschaft 476.000 Euro Verlust – trotz der Auflösung von drei Millionen Euro an Rücklagen. Ein Fünftel der Gemeindeausgaben ging für den Lift auf.


Verstaatlichung als Ausweg.
Annaberg kämpft damit nicht allein ums Überleben. Oberösterreichs Kasbergbahnen haben Probleme, ebenso die Bergbahngesellschaft St. Jakob im Osttiroler Defreggental, die St. Urbaner Skigesellschaft in Kärnten musste Konkurs anmelden. Von den 550 Schleppliften in ganz Österreich (zusätzlich gibt es 254 Seilbahnen) „hat sicher ein Drittel finanzielle Probleme“, glaubt der Obmann des Fachverbands der Seilbahnwirtschaft, Franz Hörl.

Das führt zu einem Teufelskreis: Weil weniger Menschen Ski fahren, müssen Lifte, die die „Nahversorgung“ für die Einheimischen sicherstellen, zusperren. Dadurch gehen noch weniger Menschen auf die Piste, weil sie nicht stundenlang ins nächste Skigebiet fahren wollen.

In Niederösterreich will man diesen Kreislauf mit einem ungewöhnlichen Schritt durchbrechen: Das Land diskutiert, acht Skigebiete – darunter Annaberg – zu verstaatlichen und in einer Landesholding zu verwalten. Nur so seien die kleinen Skigebiete zu retten – und damit auch die Skination Österreich.

Möglicherweise ist es dafür aber zu spät. „Wir haben eine ganze Generation an Skifahrern verloren“, meint Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien. Er begründet das mit der Abschaffung der verpflichtenden Schul-skikurse im Jahr 1995. Aber schon früher stellte das Institut in seinen jährlichen Sportuntersuchungen eine kontinuierliche Abnahme der Zahl der Skifahrer fest. Seit 1993 sank sie um stolze 66 Prozent. Damals gingen 15 Prozent regelmäßig auf die Piste, heute sind es nur noch fünf Prozent.

Die Abschaffung der Skikurse traf vor allem die Ostösterreicher und Kinder aus Städten. Den Landbewohner gehen die Lifte aus den erwähnten wirtschaftlichen Gründen verloren, und wer trotz allem im Winter auf Skiurlaub fährt, muss dafür mittlerweile ziemlich tief in die Tasche greifen: Laut dem Magazin „Konsument“ stiegen die Preise in den Skiregionen in den vergangenen Jahren deutlich stärker als die Inflation. Der Verein für Konsumenteninformation hat errechnet, dass eine Familie (zwei Erwachsene, ein Jugendlicher, ein Kind) allein für eine Sechs-Tages-Karte zwischen günstigen 373 Euro (Rangger Köpfl, Tirol) und 735 Euro (Arlberg, Tirol) bezahlen muss. Im Laufe eines Skifahrerlebens gibt man laut einer Erhebung der Seilbahnbetreiber knapp 50.000 Euro für sein Hobby aus.

Das trage nicht unwesentlich dazu bei, dass Skifahren „nicht mehr lange ein Breitensport sein wird“, wie Zellmann meint. Zukunftsforscher Reiter von der Wiener Firma ZTB geht einen Schritt weiter: „Wir werden das Ende des Skifahrens erleben.“ Zwar werde es immer eine gewisse Schicht geben, die im Winterurlaub auf die Piste geht. Auch Zellmann sieht im Wintertourismus in den kommenden Jahren keine dramatischen Änderungen. Das Problem sei aber der Nachwuchs.

„Es fehlen die Innovationen, um die Jungen anzusprechen. Sie wenden sich hipperen Sportarten zu“, erklärt Reiter. Dazu kämen viele Jugendliche mit Migrationshintergrund, vor allem in den Ballungszentren erreichten sie einen Anteil von 40 bis 50 Prozent: „Sie haben keinerlei Bezug zum Skifahren.“ In Österreich, meint Reiter, werde Skifahren immer weniger Teil der nationalen Identität sein.


Problem Nachwuchs. Die Folgen spürt bereits der Österreichische Skiverband (ÖSV). „Die Breite geht verloren“, sagt Nachwuchsreferent Gert Ehn. „So viele gute Skifahrer, aus denen wir früher einmal auswählen konnten, gibt es heute nicht mehr.“ Es sei noch nicht besorgniserregend, aber „die Talente werden auf jeden Fall weniger“. Das wird man in ein paar Jahren bei den Siegerehrungen sehen.

Die ganzen Sorgen um die sterbende Skination Österreich könnten sich aber ohnehin in einigen Jahrzehnten in Wasser auflösen: Die Temperaturen werden kontinuierlich steigen, prognostiziert die Wiener Meteorologin und Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, bis sie im Jahr 2100 fünf bis sechs Grad über der aktuellen Durchschnittstemperatur liegen werden. „Skifahren“, meinte Forscherin Kromp-Kolb, „ist dann nur noch selten möglich.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2011)