Krisenberichterstattung: Nachrichten vom Krieg

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Krisenberichterstattung Nachrichten Krieg(c) AP (FRANKA BRUNS)
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Wie gehen Verlage und Fernsehsender mit Krisenberichterstattung um? Der deutsche Journalistikprofessor Stephan Weichert über Fallschirm-Journalismus und den Bedarf an einer eigenen Ausbildung für Krisenreporter.

Wer wird diesmal nach Libyen geschickt? Wer kann von den Straßenkämpfen in Bahrain berichten? Fragen dieser Art stellen sich zurzeit viele Redaktionen und Fernsehsender. Beim ägyptischen Volksaufstand waren so gut wie alle Medien vor Ort. Die Revolution, die zum Fall von Staatschef Mubarak geführt hat, war ein Ereignis von besonderer Relevanz – das konnte man auch daran erkennen, wie viel Raum und Sendezeit europäische und auch österreichische Medien diesen Geschehnissen gaben.

Nicht nur der ORF war mit einem fünfköpfigen Team vor Ort, das sich in knapp zehn Tagen 147 Mal live aus Kairo meldete, auch alle großen Tageszeitungen des Landes schickten einen oder mehrere Reporter nach Kairo, um ihren Lesern Eindrücke aus erster Hand von den Demonstrationen am Tahrir-Platz liefern zu können. Für die „Presse“ berichtete Außenpolitikredakteur Wieland Schneider (40) aus Kairo, obwohl mit Karim El-Ghawary eigentlich ein „Presse“-Korrespondent vor Ort war. Der war allerdings so sehr für den ORF im Einsatz (91 der 147 Live-Schaltungen kamen von ihm), dass er die Berichterstattung für die „Presse“ nicht alleine abdecken konnte.


Die Vorkämpfer.
Journalisten, die von ihren Redaktionen überfallsartig an Krisenherde entsendet werden, nennt Stephan Weichert „Parachute Journalists“. Weil sie in den Regionen landen, als wären sie mit dem Fallschirm abgesprungen, und „sofort wieder aus der Regionen abgezogen werden, wenn das Ereignis vorbei ist“. Eine Entwicklung, die der Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg für bedenklich hält. Er hat mit seinem Kollegen Leif Kramp soeben eine Studie über den Berufsstand des Auslands- oder Krisenreporters veröffentlicht. In „Die Vorkämpfer“ kommen 17 deutsche Auslandskorrespondenten zu Wort, darunter die Österreicherin Antonia Rados (RTL), die freie Autorin Carolin Emcke, die soeben zur deutschen Journalistin des Jahres 2010 gekürt wurde, Stephan Kloss, der auch immer wieder für die ARD aus Krisenregionen berichtet hat, und Martin Gebauer, der Krisenreporter des Online-„Spiegel“.

Wer sich doch einen fixen Reporter oder Korrespondenten leisten kann, der muss ihn oftmals teilen. „Viele Reporter haben einen ganzen Bauchladen an Medien, für die sie schreiben.“ Der größte Kritikpunkt am deutschen öffentlich-rechtlichen Sender ARD sind die bürokratischen Hürden, mit denen die Entsendung der Reporter verlangsamt wird. Im Ergebnis kann das bedeuten, dass zuerst niemand vor Ort ist und dann alle gleichzeitig. „Wenn man dann von Sender zu Sender zappt, sieht irgendwie alles gleich aus“, so Weichert. Die Blütezeit des Krisen- und Kriegsjournalismus sei jedenfalls. „Die war in den späten 1970er-Jahren bis zu den 1990er-Jahren. Damals haben die öffentlich-rechtlichen Sender ihr großes Korrespondentennetz aufgebaut, und auch die großen Zeitungen hatten überall jemanden vor Ort.“

Nicht wenige Frauen würden diesen Job in Deutschland machen – und ihn als Karrieresprungbrett nutzen. Reporterinnen wie Carolin Emcke und Antonia Rados sagen etwa, für Frauen sei es mitunter sogar leichter, in gewissen Regionen klarzukommen, wenn sie sich den kulturellen Gepflogenheiten anpassen. „Sie sagen, Frauen haben ein besseres Einfühlungsvermögen und werden von Männern nicht so sehr als Konkurrenz gesehen“, erklärt Weichert.

Mit ihrer Studie „Die Vorkämpfer“ wollten Kramp und Weichert vor allem auf die fehlende Ausbildung für diesen Berufstyp kritisieren. Im deutschsprachigen Raum gibt es keinerlei spezielle Lehrgänge für Auslandsreporter. „Unser ganz praktischer Wunsch wäre, dass man gemeinsam mit Sendern und Verlagen ein spezielles Curriculum für diesen Beruf erstellt.“ Weicherts konkreter Tipp für Medienhäuser: „Wenn die Verlage weiter sparen müssen, und danach sieht es im Moment aus, sollten sie einzelne Spitzenleute aufbauen und denen alle Möglichkeiten bieten, sich zu echten Spezialisten zu entwickeln, die man in Krisenregionen entsendet.“ Das wären dann zwar auch wieder „Parachute Journalists“ – aber zumindest gut ausgebildete.

Ein solcher Spezialist ist auch „Presse“-Redakteur Wieland Schneider, der bereits mehrfach aus Irak, Tschad und Afghanistan berichtet hat. Er weiß, dass die Arbeit in einer Krisenregion nicht im klassischen Sinn „erlernt“ werden kann. „Natürlich ist es wichtig, dass man sich in einer Region auskennt. Es gehört aber auch sehr viel psychologisches Feingefühl dazu, zu wissen, wie du mit den Leuten vor Ort umgehst, und zu erkennen, wann wer eine Gefahr für dich ist.“ Die Anforderungen an die Reporter würden sich verändern: „Man muss für immer mehr Kanäle produzieren: Online, Radio, Print.“ Da bleibt wenig Zeit, wirklich vor Ort zu sein und Geschichten aufzutreiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2011)

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