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Franzobels "Boxer": Orsolics, der geprügelte Schläger

Franzobels Boxer Orsolics gepruegelte
Boxer(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Franzobels "Boxer" wurde im Kasino am Schwarzenbergplatz heftig bejubelt. Der Eindruck ist durchwachsen. Die Schauspieler verleihen dem Abend das Besondere, das Stück selbst schwächelt zuweilen.

Nach einer von zwei Stunden, in der fünften oder sechsten Runde also, zeigt Franzobels neues Volksstück Schwächen, die man dem Protagonisten nachsagt: „Der Boxer oder Die zweite Luft des Hans Orsolics“ hängt kraftlos in den Seilen, weil die letzte Konsequenz, das Knock-out, fehlt. Die Uraufführung am Samstag im Burgtheater-Kasino hatte zwar in lichten Momenten Punch. Sie wirkte jedoch unfertig. Sie geht primitiven Kalauern nicht aus dem Weg, um gleich wieder furchtbar sentimental zu werden.

Den Erfolg hat das marginal beeinflusst; am Ende gab es frenetischen Jubel. Als Orsolics, der mehr als vierzig Jahre nach seinen Erfolgen noch immer bekannteste Boxer des Landes, auf die Bühne geholt wurde, erhob sich das Publikum zu Standing Ovations, als ob Hansi die Europameisterschaft im Halbwelter- oder Welter erneut gewonnen hätte. Zum Eindruck des Rohen: Vor der Premiere verlautete aus dem Burgtheater, dass sich Regisseur Niklaus Helbling von der Produktion zurückgezogen habe („inhaltliche Probleme“). Stefan Bachmann übernahm die letzte Probe. Zu diesem Zeitpunkt dürfte jedoch längst festgestanden haben, dass Johannes Krisch in der Rolle des Boxers und Sarah Viktoria Frick als sein dubioser Dämon Puck eine fantastische Besetzung für dieses Melodram sind. Auch Barbara Petritsch (Mutter), Dietmar König (Trainer) und Juergen Maurer (Strizzi, Ansager etc.) spielen erstklassig. Maurer dient (so wie Daniel Jesch und Sandra Lipp in wechselnden Rollen als Boxer, Beamter, Lebensgefährtinnen) vor allem als Punchingball. Diese Zeitlupenszenen sind perfekt choreografiert.

 

Der „Wauhnsinn“ auf der Achterbahn

Der Eindruck ist durchwachsen. Die Schauspieler verleihen dem Abend das Besondere, das Stück selbst schwächelt zuweilen. Das ist erstaunlich. Denn dieses Leben ist eine Achterbahn, ein „Wauhnsinn“, ideal für Tragikomödie. Orsolics feierte große Triumphe, erlitt traurige Niederlagen, verfiel dem Alkohol, schlitterte in Finanzdebakel, musste mehrfach wegen schwerer Körperverletzung ins Gefängnis, um schließlich doch wieder aufzustehen. Die Frauen, die er prügelte, halfen ihm dabei. Dieser schwache Mensch und starke Charakter (oder vice versa?) zählt längst zur Operette Österreich: Der tragische Kampf ist der Stoff, aus dem Romane sind.

Das Drama im Kasino, das auf der von Dirk Thiele heruntergekommen als Boxhalle und Tschecherl gestalteten Bühne spielt, gibt es billiger. Slapstick, Zoten und komische Figuren sind vorherrschend, Momente der Reflexion rar. Dann können sie aber auch beeindrucken, wie etwa jene vom Boxer, der nach schwerem K.o. einen Totentanz sieht. Die Gipfel der Nostalgie: Videoclips der Originalkämpfe und schließlich ein Duett; Krisch und Frick singen „Mei potschertes Leb'n“. Ans Peinliche grenzt die Sterbeszene der Mutter, die nicht nach dem Arzt, sondern dem Friseur ruft. Später darf sie als abgerissener Engel in Hansis Kopf spuken, wie der immer präsente Puck. Aber Peinlichkeit ist offenbar gewollt. „Der Boxer“ will ganz nah rangehen an die Sprache des Milieus, wirkt aber zugleich gespreizt bis barock. Da kann man sich auch Beulen holen.

Kasino am Schwarzenbergplatz: 20., 21. Februar und 6., 7., 8., 22., 23.März, 20Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2011)