Wenn Kirill Petrenko im Wiener Musikverein die Symphoniker dirigiert, dann ist das für Musikfreunde ein Grund, sofort Karten zu besorgen.
Es gibt Konzerte, da muss der Musikfreund, der auf sich hält, dabei sein, weil die Interpreten zu den viel geliebten oder zumindest viel diskutierten Künstlern unserer Zeit gehören. Dann gibt es Konzerte, die sind so spannend programmiert, dass man nicht fehlen darf, wenn man mitreden möchte. Und dann gibt es solche, in denen beide Eigenschaften kulminieren: Ein solches Konzert findet diese Woche im Goldenen Wiener Musikvereinssaal statt.
Da dirigiert Kirill Petrenko die Wiener Symphoniker. Das ist an sich schon ein Grund, sich um Karten anzustellen, denn Petrenko ist unter den jungen Pultvirtuosen unserer Zeit wahrscheinlich der begehrteste. Er lehnt beinahe sämtliche Angebote ab, auch die bedeutender Orchester, Konzert- und Opernhäuser. Dass er sich jüngst zum Bayerischen Generalmusikdirektor designieren ließ, wurde international beachtet und von der deutschen Presse als Sensation gepriesen. Nicht zuletzt, weil Petrenko auch der Auserkorene ist, der zum 200.Geburtstag Richard Wagners bei den Bayreuther Festspielen die Neuinszenierung des „Rings des Nibelungen“ einstudieren wird – im selben Jahr, 2013, in dem er am Münchner Nationaltheater sein Amt antritt.
Davor gibt es Petrenko immer nur in Ausnahmefällen, heuer etwa, wenn er am Covent Garden „Fidelio“ dirigiert und in Lyon erstmals den „Tristan“. Und eben anlässlich des Wiener-Symphoniker-Konzertes am 23., 24 und 25.Februar, das freilich auch deshalb aufregend zu werden verspricht, weil zwei der schönsten und packendsten Werke der Musik des frühen 20.Jahrhunderts auf dem Programm stehen, „Le Poème de l'extase“ von Alexander Skrjabin und die „Lyrische Symphonie“ Alexander Zemlinskys.
Der explosiven zwanzigminütigen, nie abreißenden Klangsteigerung des russischen Meisters steht die verinnerlichte, gleichwohl dramatisch aufwühlende Liebesballade nach Texten von Tagore gegenüber, die Zemlinsky zu einer der anrührendsten und schönsten Symphonien der Spätromantik verdichtet hat.
Wie in Mahlers „Lied von der Erde“ wechseln einander zwei Gesangssolisten ab, hier Sopran und Bariton (Camilla Nylund, Wolfgang Koch). Ihnen sind hinreißend schöne Soli geschenkt: Das schwärmerische „Du bist mein Eigen, mein Eigen“ hat Alban Berg schlaflose Nächte gekostet– und er hat die Melodie zur innigen Illustration ganz anderer schlafloser Nächte in seiner „Lyrischen Suite“ verarbeitet, einem Werk also, das ganz bewusst nicht nur im Titel auf Zemlinskys Stück zurückgreift.
Die Symphonie schlummerte, anders als Bergs Quartett, lange im Archiv, ehe man sie im Zuge der Zemlinsky-Renaissance wiederentdeckte. Nach wie vor gilt sie als Rarität – erlebt vor allem selten Wiedergaben unter bedeutenden Dirigenten. Ein Pflichttermin also im Musikverein.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2011)