Wann ist ein Gebäude nachhaltig? Gleich zwei Organisationen wollen in Österreich die Umweltverträglichkeit von Bauwerken bewerten.
Mit einem Kompliment an Österreich leitete Thomas Müller, Präsident des kanadischen „Green Building Council“, im Wiener Messegelände eine Diskussion über zukunftsfähige Baustandards ein: „Es ist sehr beeindruckend, was in diesem Land alles geschieht, solche energieeffizienten Bauweisen gibt es bei uns in diesem Ausmaß nicht“, sagte er. Allerdings haben die Kanadier etwas, um das sie die energieeffizienter bauenden Österreicher (noch) beneiden: einen Boom bei der Zertifizierung von Gebäuden auf Basis von Nachhaltigkeitskriterien.
Müllers Organisation führt solche Zertifizierungen nach dem „Leadership in Energy and Environmental Design (LEED) Green Building Rating“-System und kann über einen Mangel an Nachfrage nicht klagen. Ziel dieser Aktivitäten ist es, die nachhaltigen Qualitäten eines Bauwerks auf Basis neutraler Kriterien zu bewerten. Der Vorteil für Mieter und Käufer von Wohnungen und Büros, aber auch für Immobilieninvestoren: Sie erhalten ein Gütesiegel, mit dem Eigenschaften des Bauwerks exakt definiert sind. Dieser Nutzen war in Kanada auch wesentlicher Grund für den Zertifizierungs-Boom, erzählt Müller: „Unser Dokument hilft beim Verkauf einer Wohnung oder bei der Vermietung von Büros und ist deshalb gefragt.“
Ein solches, allgemein anerkanntes Gütesiegel für Gebäudequalität ist in Österreich noch Zukunftsmusik. Bislang werden die Eigenschaften von Gebäuden auf verschiedensten Schienen definiert: Richtlinien der Wohnbauförderung, Passivhausstandard, Energieausweis und einiges mehr zählen dazu. Gütesiegel analog zum internationalen „LEED Green Building Rating“-System gibt es auch – sogar in zweifacher Ausführung: Allerdings ist weder das Gütesiegel der österreichischen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen, ÖGNB, noch das konkurrierende Label der Österreichischen Gesellschaft für nachhaltige Immobilienwirtschaft, ÖGNI, in der breiten Öffentlichkeit ein Begriff.
Qualität umfassend dokumentiert
Das soll sich ändern. Susanne Geissler, Geschäftsführerin der ÖGNB hofft, dass ihr Gütesiegel „als erweiterter Energieausweis in Zukunft die umfassende Gebäudequalität in Verkaufsinformationen dokumentiert“. Geissler räumt ein, dass es noch intensiver Aufklärungsarbeit bedarf und will das Qualitätssiegel nicht als nachträglich aufgeklebtes „Gebäudepickerl“ sehen: „Uns geht es vor allem um die Optimierung des Planungsprozesse, das ÖGNB-Gütesiegel soll der Abschluss einer sehr guten Planung sein.“ Das zugrunde liegende Bewertungssystem Total Quality Building TQB basiert auf Forschungsarbeiten des klima:aktiv-Gebäudestandards, eines Projekts mit Beteiligung des Lebensministeriums und des Österreichischen Instituts für Baubiologie und Bauökologie IBO. „Unser System ist an die österreichische Baupraxis angepasst“, betont Geissler. Außerdem spielen ökologische Kriterien eine wesentliche Rolle. Karl Torghele, Bauphysiker und Präsident des IBO: „Es ist ein umfassendes Bewertungssystem, bei dem etwa der Herstellungsaufwand, aber auch mögliche Schadstoffbelastungen der Baustoffe berücksichtigt werden.“ Für Torghele ist daher das ÖGNB-Tool ein qualitativer Fortschritt gegenüber internationalen Bewertungssystemen.
Vereinigung oder Ergänzung?
Etwas anders die Philosophie des konkurrierenden österreichischen Gütesiegels für nachhaltige Bauwerke, ÖGNI. Es baut auf dem System der deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen, DGNB, auf. Gegründet wurde die ÖGNI Ende 2009 von Philipp Kaufmann. Er leitete damals das Forschungsinstitut für Regional- und Immobilienwirtschaft der Wirtschaftsuniversität und wollte der Bau- und Immobilienbranche eine Alternative zum rein österreichischen Gütesiegel bieten: „Wir streben einen Paradigmenwechsel zu nachhaltigem Bauen und Bewirtschaften in Richtung Ökologie, Ökonomie und soziokulturelle Aspekte an“, umreißt Kaufmann die ÖGNI-Philosophie. Heute unterstützen große Unternehmen von Strabag über Porr bis zu Raiffeisen Evolution die ÖGNI, Spar etwa lässt seine Klimaschutz-Supermärkte von dieser Organisation zertifizieren.
Obwohl Kaufmann das ÖGNI als Alternative zur ÖGNB ins Leben gerufen hat, ist er für eine Zusammenarbeit der beiden Organisationen offen: „Wir haben die gleichen Ziele, es kann in einem kleinen Land nur ein Miteinander geben.“ Susanne Geissler sieht das anders: „Verschiedene Gütesiegel sind durchaus berechtigt, weil sie unterschiedliche Nachfragen erfüllen. Uns geht es vor allem darum, nachhaltiges Bauen in Österreich weiterzubringen.“