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Griechenland: Drachme als letzte Rettung?

(c) EPA (Karl-Josef Hildenbrand)

Eine wachsende Zahl von Experten hält eine griechische Pleite mittlerweile für unausweichlich. Hochrangige deutsche Ökonomen sehen nun sogar den Austritt des Landes aus der Eurozone als realistische Perspektive.

Wien/Hie/Ag. Griechenland streikt – mal wieder. Händler, Bus- und Bahnfahrer, Fährmänner, Fluglotsen und Beamte haben für Mittwoch den Ausstand angekündigt, Ärzte werden nur Notfälle behandeln. Sie alle sind mit dem Sparpaket der Regierung unzufrieden. Mit Lohnkürzungen und Steuererhöhungen will die Regierung in Athen Staatsfinanzen und Volkswirtschaft auf Kurs bringen.

Ob das ausreicht, um die ausufernden Schulden in den Griff zu bekommen? Höchstwahrscheinlich nicht, sagt der deutsche Sachverständigenrat EEAG in einer aktuellen Studie. Das Expertengremium rund um Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Wirtschaftsinstituts Ifo, sieht Griechenland spätestens 2013 wieder am Rande der Pleite. Da läuft das 110-Milliarden-Euro-Hilfspaket der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) aus und das Land werde wieder Hilfe brauchen.

Griechenland, meinen die Ökonomen, hätte eigentlich nur zwei Möglichkeiten: den Austritt aus der Eurozone samt Rückkehr zur Drachme oder eine radikale Senkung von Löhnen und Preisen. Also eine „externe“ oder eine „interne“ Abwertung.

In beiden Fällen würden griechische Exporte günstiger und Importe teurer – eine Chance, das Handelsbilanzdefizit zu schmälern und die griechische Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Allerdings würde es in beiden Fällen auch eine Weile dauern, bis die Maßnahmen wirkten. Und selbst wenn die Exporte zunähmen, müsse das nicht heißen, dass sich das in den Zahlen niederschlage: So könnte es zwar sein, dass niedrigere Preise etwa mehr Touristen anlockten – die Einnahmen pro Tourist wären aber auch weniger.

 

Abraten von weiteren Hilfen

Während die externe Abwertung über den Wechselkurs läuft, stützt sich die interne Abwertung auf die Rezession: Löhne und Preise sinken, die Arbeitslosigkeit bleibt eine Zeit lang hoch. Im besten Fall erhöht dieser Weg aber auf Dauer die Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeitslosigkeit pendelt sich wieder ein.

Die Wiedereinführung der Drachme würde die Auslandsschulden weiter erhöhen und unter dem Strich könnte die Strategie in eine Währungskrise münden. Ob die interne Abwertung gut geht, ist nach Ansicht der Experten eine Frage des politischen Geschicks: Ansonsten seien soziale Unruhen programmiert.

Daher wollen sich die Ökonomen auf keine der Alternativen festlegen, denn keine habe wesentliche Vorteile: „Es ist eine Wahl zwischen zwei Übeln“, heißt es in dem Bericht. Sonst habe das Land nur die Möglichkeit, dauerhaft am Tropf der anderen EU-Staaten hängen zu bleiben – wovon die Experten aber abraten. Eine „Transferunion“ berge das Risiko einer Abhängigkeit von den Hilfen. Die Anreize, sich mit eigener Kraft aus dem Schuldenjoch zu befreien und strukturelle Defizite zu beseitigen, wären gering.

Mit ihrem düsteren Ausblick sind die Sachverständigen nicht allein. Andreas Schmitz, Präsident des Deutschen Bankenverbandes, sagte vergangene Woche, ein Schuldenerlass der Investoren („Haircut“) sei nicht mehr zu vermeiden. Er rechne aber nicht mit einer Insolvenz vor 2013: Dann tritt der dauerhafte Stabilitätsmechanismus der EU (ESM) in Kraft, der im Fall von Staatspleiten Mechanismen zur Umschuldung vorsieht.

Griechenland steht mit fast 150 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in der Kreide. Das Bruttoinlandsprodukt soll nach der Prognose der EZB heuer um mindestens drei Prozent schrumpfen. Berichten zufolge wird hinter den Kulissen bereits über eine griechische Pleite verhandelt. Die Regierung in Athen dementiert solche Pläne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2011)