Wie die Jasminblüte zurück nach China kommt

Die Pflanze kommt aus China, der Name „Jasmin“ aus dem Persischen. In China sagt man „Molihua“, und das hören die Mächtigen nicht gern.

In den Siebzigerjahren, lange vor Erfindung der „Eat-as-much-as-you-can“-Buffets, waren chinesische Restaurants die leisesten Plätze Wiens, so leise, dass man den Reis am Nachbartisch dampfen und die Drachen an der Wand atmen hörte. Man flüsterte höflich, aß leise die servierten Schätze und trank das höflichste, leiseste Getränk der Welt: Jasmintee, meiner Generation absurderweise geläufig aus dem blutigsten Rolling-Stones-Song, „Let It Bleed“.

Es gibt sie nicht mehr, diese Lokale; in der Florianigasse war eines, ich weiß nicht mehr, in welchem Haus; in der Auerspergstraße, wo früher eines war, hing noch vor ein paar Wochen eine Speisekarte an einer eingerüsteten Wand, M1 bis M10, bilde ich mir ein, vielleicht war es nur ein Kindheitstraum. Damals fragten wir nicht, ob die Besitzer und Köche dieser alten, stillen Chinarestaurants aus Taiwan waren, aus Hongkong oder doch aus der Volksrepublik, wo die sogenannte Kulturrevolution gar nicht leise wütete. Jetzt ist es zu spät zu fragen.

Kann man heute noch Jasmintee trinken in Chinarestaurants? Jasmin heißt auf Chinesisch „Molihua“, das haben wir jetzt gelernt, und dass dieses Wort heute in China den Machthabern und ihren Dienern höchst unliebsam ist, dass sie Aufstand wittern, wenn sie es im Internet finden, womöglich in Verbindung mit „geming“, das heißt Revolution.

Das Wort „Jasmin“ kommt über das Arabische aus dem Persischen; die Pflanze selbst stammt aus dem Südwesten Chinas; Europa erreichte sie erst im 16.Jahrhundert, den arabischen Raum viel früher. Eine von H.C.Artmanns „persischen quatrainen“ lautet: „ein dunkler schwan auf teichen / von jasmin // ein schwanen nest im regen / von jasmin // komm. öffne mir dein kleid / es ist das tor // zu diesem abend garten / von jasmin.“ Was für ein Wort. Schade, dass noch niemand eine schöne Erklärung dafür erdichtet hat, warum die erfolgreiche, nicht nur für China vorbildliche tunesische Revolution so heißt.

In China heißt eines der populärsten Volkslieder „Molihua“. Aus den Tiefen des Internet liest man, dass erst 2010 der Wiener Männergesang-Verein dieses Lied im Stadion von Nanning vor 57.000 Zuhörern gesungen hat. Tausende sollen begeistert mitgesungen haben. Heute wäre das wohl eine politische Kundgebung.

Kann eine Revolution höflich sein? Darf sie nach Jasmintee schmecken? Mao Zedong hätte Nein gesagt, schon das ist ein guter Grund, Ja zu sagen. Und eine Tasse „China Jasmin Mao Feng Tee“ auf Revolutionen zu trinken, die weniger barbarisch sind als die Zustände, die durch sie überwunden werden. Auf den Fortschritt, sozusagen.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2011)

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