Energie: "Am Ölmarkt herrscht Panik"

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Greifen die Unruhen auf weitere Ölexportländer über, kann das einen Wendepunkt der globalen Erholung bedeuten, sagen Ökonomen. Analysten prognostizieren einen Anstieg des Ölpreises auf bis zu 220 Dollar je Fass.

Wien/Ag./Jaz/Mar. Es sind Preise, die man schon lange nicht mehr gesehen hat: Knapp 120Dollar kostete am Donnerstag zeitweise ein Fass Öl (zu 159Liter) der Nordseesorte Brent. Das letzte Mal war das schwarze Gold im August 2008 so teuer. Wie mehrfach berichtet, sorgen die Unruhen in Libyen für einen rasanten Anstieg des Ölpreises, der allein in den vergangenen vier Tagen um fast 20Prozent zulegte.

Doch es ist gar nicht Libyen allein, das die Unruhe an den Märkten verursacht. Das nordafrikanische Land ist zwar ein wichtiger Ölproduzent und der weltweit zwölftgrößte Exporteur. Die libysche Tagesproduktion von 1,6Mio. Fass, rund zwei Prozent der weltweiten Förderung, kann aber selbst bei einem Totalausfall leicht von anderen Ölproduzenten – allen voran Saudi-Arabien – ausgeglichen werden.

Unter den Händlern wächst jedoch die Sorge vor einem möglichen Übergreifen der Unruhen auf ebendiesen weltgrößten Ölförderer, der für rund zehn Prozent der weltweiten Produktion verantwortlich ist und als einziges Land freie Kapazitäten im nennenswerten Ausmaß hat. Bisher ist die Revolutionsbewegung in Saudi-Arabien zwar noch winzig. Jüngste Aufrufe auf der Internetplattform Facebook für einen saudischen „Tag der Wut“ fanden nur wenige hundert Unterstützer. „Aber niemand erwartete vor Kurzem, dass Mubarak in Ägypten gehen muss. Derzeit ist alles möglich, daher ist auch jeder sehr nervös“, meint dazu Tony Nunan, Risikomanager bei der japanischen Mitsubishi Corporation.

Saudi-Arabien rückt in den Fokus

„Der Markt kann keine zweite Störung verkraften. Mit den Problemen in Libyen ist rund die Hälfte der freien Kapazitäten der Opec bereits verbraucht“, pflichtet ihm Ölanalyst Jeffrey Currie von Goldman Sachs bei. Noch drastischer fasst Carsten Fritsch von der Commerzbank die aktuelle Situation zusammen: „Es herrscht zurzeit Panik am Markt.“ Diese „Panik“ könnte noch einige Zeit anhalten. Zumindest, bis es zu einer vollständigen Klärung der Situation in Libyen gekommen ist, meint Mark Pries, Rohstoffhändler bei ETX Capital in London. „Das Vertrauen am Markt ist vorerst weg.“

Die Prognosen, wie hoch der Preis dabei noch steigen wird, gehen auseinander. Frank Schallenberg, Chef-Rohstoffanalyst der deutschen LBBW, hält die Hausse bei Rohöl für übertrieben. Selbst ein Ausfall Libyens und Marokkos könnte problemlos ausgeglichen werden. Zudem befänden sich die US-Lagerbestände auf dem höchsten Niveau seit Jahrzehnten.

Während Saudi-Arabien in den Fokus rückt, halten Analysten der Raiffeisen Bank International Unruhen in dem Land für nicht sehr wahrscheinlich: Der Wohlstand des Landes sei weit höher als in Nordafrika. Dazu kommt, dass der saudische König Abdullah seiner Bevölkerung diese Woche finanzielle Hilfen in Milliardenhöhe angekündigt hat. Auch Goldman Sachs schätzt die Gefahr von Protesten in Saudi-Arabien als „vergleichsweise gering“ ein – warnt jedoch vor dramatischen Engpässen, falls Unruhen auf weitere Ölexporteure übergreifen.

Dagegen zeigt laut Marktanalysten von Reuters allein der anhaltende Preisanstieg, dass der Gegenwert für Brent heuer noch auf 158Dollar je Fass steigen wird – deutlich mehr als der historische Höchststand von 147,5Dollar im Sommer 2008. Noch drastischer wird die Situation von der Investmentbank Nomura eingeschätzt: Sollte die Produktion in Libyen und Algerien in stärkerem Maße ausfallen, könne der Ölpreis auf 220Dollar je Fass steigen.

Wirkung über Zapfsäulen hinaus

Verteuert sich Öl weiter, hat das Auswirkungen weit über die Zapfsäulen hinaus. Das könnte einen „Wendepunkt der Weltwirtschaft“ bedeuten, schreibt die Deutsche Bank. Bei einem Preis von über 120Dollar je Fass drohe eine globale Rezession, schätzt das Finanzinstitut ebenso wie die US-Bank Morgan Stanley. In Deutschland stellen sich Getreidehändler auf massive Beeinträchtigungen des Weizenhandels ein. Doch höhere Energiekosten betreffen nicht nur Lebensmittelpreise, sondern auch den Konsum und die gesamte Exportwirtschaft.

Auf jeden Fall dürften anziehende Energiepreise den ohnehin erwarteten Anstieg der Inflation weiter befeuern. So hob das heimische IHS ja kürzlich bereits die Prognose der diesjährigen Teuerung von zwei auf 2,4Prozent an.
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Auf einen Blick

Der wichtigste Rohstoff der Industrieländer kostet angesichts der Unruhen in Nordafrika so viel wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Während die Auswirkungen der Exportausfälle in Libyen als vergleichsweise gering eingeschätzt werden, rückt Saudi-Arabien in den Fokus: Greifen die Proteste auch auf dieses Land über, droht eine globale Rezession. Trotzdem halten Beobachter diese Entwicklung für nicht sehr wahrscheinlich – der Wohlstand in Saudi-Arabien sei viel höher als in Nordafrika.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2011)

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