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„True Grit“: Der Gottlose flieht durch den Western

(c) EPA (PARAMOUNT / HO)

Jeff Bridges reitet im zehnfach oscarnominierten Remake eines herbstlichen John-Wayne-Klassikers durch eine winterliche Welt. Beide Filme sind Spiegelbilder eines verunsicherten Zeitgeists in den USA.

Als John Wayne 1970 seinen einzigen Oscar für den Western True Grit erhielt, herrschte allgemeine Einigkeit darüber, dass man ihn eigentlich dafür ausgezeichnet hatte, dass er John Wayne war: Gewiss, er lieferte eine amüsante Darstellung als ruppiger einäugiger Marshal Rooster Cogburn, der dem Trunk ebenso zugetan war wie dem Fluchen. Aber der komische Kampf, den sich Wayne als Der Marshal – so der deutsche Verleihtitel – im Film mit einem Teenager-Mädel liefert, war nichts gegen die Kämpfe, die er eben im wirklichen Leben überstanden hatte: Wayne hatte (vorläufig) den Krebs besiegt und war zur Zielscheibe gegenkulturellen Zorns geworden, weil er mit The Green Berets 1968 als Regisseur und Hauptdarsteller Propaganda für den Vietnam-Krieg gemacht hatte.

Seinem legendären Status tat das keinen Abbruch: John Wayne, „the Duke“, die amerikanische Action-Ikone schlechthin, war in dieser Ära der Verunsicherung ein Garant für traditionelle Stärke. Den Zeitgeist von 1969 beschrieben andere Filme. Dennis Hopper – der in True Grit einen kleinen Auftritt als unseliger Bandit hatte – dekonstruierte mit Easy Rider die Westernmythologie im zeitgenössischen Gewand: Der Ritt übers „Land of the free“ auf Motorrädern als drogengeschwängerter Hippie-Albtraum. „Ein Mann machte sich auf die Suche nach Amerika. Und er konnte es nirgendwo finden“, lautete die Werbezeile. Sam Peckinpahs Revolutionswestern The Wild Bunch setzte im Juni des Jahres neue Maßstäbe, indem er eine Outlaw-Saga mit dem blutigen Gemetzel des Kriegs kreuzte – in epischer Zeitlupe.

 

Wayne-Premiere neben Vietnam-Tumulten

Als True Grit eine Woche darauf in New Yorks Radio City Music Hall Premiere feierte, kam es nebenan zu Tumulten bei Vietnam-Protesten. Der Wayne-Western wurde aber zum Hit der Saison: Familientauglich trotz düsterer Untertöne und das „letzte Gefecht“ eines totgesagten Genres – die angemessen klassische Inszenierung besorgte Veteran Henry Hathaway, die sensationelle Kameraarbeit von Lucien Ballard tauchte die Handlung in herbstliches Licht, passend zum Gefühl einer ausklingenden (Kino-)Ära.

Über 40 Jahre später bietet die Neuverfilmung von True Grit ebenso beeindruckende Panoramen von Kameramann Roger Deakins: Doch die Landschaften sind jetzt winterlich und kalt – nur ein Indiz, wie sich dieses Remake in eine neue, aber nicht weniger verunsicherte Epoche fügt. Ein anderer umstrittener Krieg und die Folgen der Wirtschaftskrise haben das Klima in den USA geprägt, sorgen für vergleichbare Resonanz: Das eigentliche Thema von True Grit ist eine unwahrscheinliche Loyalität zwischen den Generationen trotz persönlicher Gegensätze und widriger äußerer Umstände.

Interessanterweise setzten die Regie-Brüder Joel und Ethan Coen – die Pokerface-Schlaumeier des heutigen Hollywood – bei ihrer selbst verfassten Version auf größere Nähe zur Romanvorlage: Das gleichnamige Buch von Charles Portis wurde 1968 ein Erfolg, weil es den Zynismus und die Nostalgie traf, mit denen Cowboy-Mythen mittlerweile betrachtet wurden. Ein parodistischer Zug zeigte sich darin, wie Portis eine klassische Westernstory mit unheroischen Figuren bevölkerte: Die sture, gewiefte 14-jährige Mattie Ross verpflichtet den „einäugigen fetten Mann“ Rooster Cogburn, um im Indianergebiet den Mörder ihres Vaters zu finden – weil sie aufgeschnappt hat, er habe noch den im Titel beschworenen „wahren Mut“.

 

Besoffen aus dem Sattel fallen

Tatsächlich wirkt Rooster mehr wie ein schurkischer Clown – in der Verkörperung durch John Wayne wurde er allerdings automatisch zur überlebensgroßen Figur. In die Fußstapfen des „Duke“ tritt nun Jeff Bridges, dem der frühere Coen-Film The Big Lebowskiden Spitznamen „the Dude“ eingetragen hat: Er ist entschieden weniger fett und trägt die Augenklappe rechts statt links, sonst sind die Unterschiede vernachlässigbar. Die Rolle als besoffen aus dem Sattel fallendes Raubein lässt sich nur breit (und genüsslich) spielen: Wie Wayne ist Bridges oscarnominiert, aber der beste Schauspieler im Film ist in beiden Fällen ein anderer. Im Original genügen Robert Duvall wenige Szenen für das charismatische Porträt eines so pragmatischen wie skrupellosen Bösewichts. Im Remake brilliert Matt Damon als drittes Rad am Wagen: ein eitler Texas Ranger namens LaBoeuf, der sich selber „LaBeef“ nennt, und Marshal und Mädchen auf ihrer Jagd begleitet.

„The wicked flee when none pursueth“, lautet denn auch das strategisch verkürzte Bibelzitat, das die Coens ihrem Film voranstellen: Bei Portis eine der vielen humorvoll verdrehten Sentenzen, die aus der humorlosen Mattie hervorsprudeln. Die kunstvoll gedrechselte Pseudo-Mark-Twain-Sprache der Romandialoge wird von den solche Ironien schätzenden Coens ausgiebig übernommen, sonst sorgt ihre Werktreue für einen grimmigeren Grundton. An Waynes Seite spielte die 21-jährige Kim Darby, sicherheitshalber mit Bubikopf (LaBoeuf war farblos, aber jugendfreundlich mit Sänger Glen Campbell besetzt, der auch das irreführend optimistische Titellied gab). Bridges schlägt sich nun mit einer echten 14-jährigen (Hailee Steinfeld, ebenso oscarnominiert) herum, was den perversen Aspekt ihrer Beziehung betont.

 

Wo aber bleibt der Gerechte?

Trotz typischer Gags zu Beginn – Mattie umwirbt den am Plumpsklo sitzenden Marshal, die Hinrichtung eines Indianers hat eine zynische Pointe – ist True Grit der am wenigsten augenzwinkernde Film der Coens. Sie überheben sich sogar ein wenig in ihrem postmodernen Eifer, wenn sie auch noch Charles Laughtons überlegenen Klassiker Die Nacht des Jägers beschwören: Der entwarf 1955 ein albtraumhaftes Märchen vom Kampf zwischen Gut und Böse – Kategorien, die 2010 in True Grit völlig verschwimmen.

„Der Gottlose flieht, wenn niemand ihn jagt; der Gerechte aber ist furchtlos wie ein Löwe“, würde das einleitende Bibelzitat ganz lauten. Die tragikomischen Figuren der Coens bewegen sich aber durch eine ungerechte Welt: Die Beziehung zwischen Mattie und Rooster ist weit weniger herzlich als im Original, aber ein letzter Anker im feindlichen Land. Dass diese desillusionierte Vision zum kommerziell erfolgreichsten Film des Regie-Duos geworden ist (und zehnmal für die Oscars diesen Sonntag vorgeschlagen), sagt viel über den Zeitgeist in den USA.

Interview mit J. Bridges im „Schaufenster“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2011)

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