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Stimmung in Türkei: Ausländerfeindlich und sehr religiös

(c) AP (BURHAN OZBILICI)
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Trotz Zustimmung zu einem Beitritt in die Europäische Union ist das Misstrauen gegenüber den Europäern in der türkischen Bevölkerung sehr groß. Um das Vertrauen in die Religion ist es dagegen besser bestellt.

Istanbul. Die türkische Gesellschaft ist in wesentlichen Fragen zur Orientierung ihres Landes tief gespalten. Das belegt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GfK im Auftrag der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press.

Widersprüchlich ist vor allem ihre Stimmungslage zu Europa. Noch immer wollen 50 Prozent der Türken in die EU, während 42 Prozent den Beitritt ablehnen. Vor einem Jahrzehnt lag die Zustimmung allerdings noch bei gut zwei Dritteln. Doch angesichts äußerst schleppender Verhandlungen und der in der Türkei als Desillusionierung wahrgenommenen Eurokrise war nicht unbedingt zu erwarten, dass eine Mehrheit der Türken noch immer in die EU will.

Das dennoch positive Bild der EU wird durch eine breite Skepsis gegenüber den Europäern konterkariert. Gerade mal 16 Prozent haben ein positives Bild von Deutschland. Wenn man in der Studie weiterblättert, stellt sich aber heraus, dass dies noch ein einsamer Spitzenplatz ist. Relativ gut halten sich die Mittelmeeranrainer Italien mit zwölf Prozent und Spanien mit elf Prozent. Die Briten kommen allerdings nur auf neun Prozent Zustimmung, die Franzosen auf sechs Prozent und die nahen, aber lange Zeit mit den Türken verfeindeten Griechen auf gar nur fünf Prozent.

Insgesamt überwiegt ein negatives Bild der Europäer. Rund die Hälfte der Befragten bewertet Großbritannien und Frankreich negativ. Auch Deutschland, Italien und Spanien (jeweils rund 40 Prozent) sind in der Bevölkerung nicht beliebt. Österreich wurde nicht abgefragt.

Wie diese Zustimmung zum EU-Beitritt mit dem allgemeinen Misstrauen gegenüber den Europäern in einen Kopf passt, wurde bei der Umfrage leider nicht erhoben. Doch wie bei den anderen Widersprüchen auch kann man es wohl als einen Zustand der Orientierungslosigkeit betrachten, wozu dann auch das allgemeine Misstrauen passen würde.

Ein kleiner Trost für die Europäer mag sein, dass sie keineswegs die Einzigen sind, denen die Türken nicht so recht trauen. Die Hälfte der Türken und Türkinnen misstraut auch den USA. Eine Mehrheit gab an, man müsse im Umgang mit Menschen recht vorsichtig sein und 84 Prozent trauen Ausländern grundsätzlich nicht.

Trennung von Staat und Religion

Um das Vertrauen in Gott ist es dagegen besser bestellt. 85 Prozent sagten, dass Religion für ihr Leben „sehr“ oder sogar „außerordentlich“ wichtig sei. Auf Äußerlichkeiten kommt es ihnen dagegen weniger an. Politik und Religion will die Mehrheit weiterhin getrennt halten. 65 Prozent sind dagegen, dass sich religiöse Führer in die Politik einmischen, nur 17 Prozent sind dafür.

In Fragen religiöser Symbolik zeigen sich die Befragten sehr liberal. Zwei von drei Türken meinen, dass es Frauen freigestellt sein sollte, ob sie an Universitäten ein Kopftuch tragen wollen oder nicht. Dies ist im Prinzip durch das Verfassungsgericht verboten, nach jahrelangem Streit wird das Kopftuch heute aber de facto geduldet.

Ähnlich widersprüchlich wie gegenüber Europa ist auch die Einschätzung der internen Lage in der Türkei. Einerseits sagen 54 Prozent der Befragten, dass sich ihre Wertschätzung für den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan in den letzten Jahren erhöht habe, andererseits ist nur jeder Dritte mit seiner persönlichen Lage zufrieden und ebenfalls nur jeder Dritte erwartet eine ökonomische Verbesserung für sich in den nächsten Jahren. Befragt, ob sich das Land in eine falsche Richtung entwickle, antworten sogar 87 Prozent mit Ja.

Unter dem Strich neigt die türkische Bevölkerung trotz Orientierungslosigkeit nicht zu radikalen Lösungen. Nicht nur beim EU-Beitritt, auch bei der Nato-Mitgliedschaft, einem möglichen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel oder der Frage, ob Obama zu trauen ist, schwanken die Ergebnisse um die 50-Prozent-Marke. Es gibt keine klare Ablehnung und keine klare Zustimmung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26. Februar 2011)