Schicksalsjahr 1986 (2): Mitten in den Wahlkampf um die Hofburg platzt eine Bombe: Ein Nachrichtenmagazin stöbert die "Wehrstammkarte" des VP-Kandidaten auf. Waldheim wusste bereits von dem drohenden Unheil.
Am Sonntag, dem 2. März 1986, ist der ÖVP-Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Kurt Waldheim, auf Wahlkampfreise in Oberösterreich. Am Vormittag – wir befinden uns gerade in Steyr – sendet die Austria Presse Agentur eine Vorausmeldung aus: Das Nachrichtenmagazin „Profil“ werde anderntags mit der Behauptung erscheinen, Waldheim sei SA-(und damit NSDAP-)Mitglied gewesen und habe dies bis dato verschwiegen.
Waldheim und seine Gattin Elisabeth versichern uns, dass dies nicht der Wahrheit entspreche – im Gegenteil, sagt uns der Diplomat: Er komme ja aus einem christlichsozial geprägten Elternhaus und sei zeitlebens antinazistisch eingestellt gewesen und könne das auch jederzeit nachweisen.
Was war geschehen? Waldheim wusste seit einer Woche von dem drohenden Unheil. Am 21. Februar war sein Wahlkampfhelfer Ferdinand Trauttmannsdorff im Wiener Kriegsarchiv dabei, als die Wehrmachtsunterlagen seines Chefs, die vierzig Jahre lang dort vor sich hin staubten, geöffnet wurden. Rudolf Neck, der Direktor des Archivs, war zugegen, ebenso der Präsidialist des Kanzleramtes, Kurt Zeleny – und Hubertus Czernin vom „Profil“. Der VP-Kandidat hatte dem Nachrichtenmagazin arglos seine Bewilligung gegeben, denn er hatte nichts zu befürchten – meinte er.
Doch die Wehrstammkarte vom 2.Juni 1939 bewies: „Zugehörigkeit zu Gliederungen der NSDAP... siehe Anleitung: SA, Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund, Eintritt 1938.“
Nur formale Einverleibung?
Als das „Profil“ mit der Sensation am 3. März in den Kiosken lag, war auch schon das Dementi des Waldheim-Büros fertig: Es wäre denkbar, dass die ganze Freundesgruppe um den passionierten Reiter an der damaligen Konsularakademie – ohne Wissen der einzelnen Mitglieder und ohne Beitrittserklärung – formal einer SA-Reiterstandarte zugeordnet worden sei. Das sei aber nur eine Formalangelegenheit gewesen, beteuerte Waldheim in den nachfolgenden Tagen. Er habe niemals irgendeine Beitrittserklärung unterschrieben, habe sich daher auch nie als SA-Mitglied betrachtet.
An diesem besagten Wochenende lag der ÖVP-Kandidat um drei Prozentpunkte vor seinem Mitbewerber, dem Gesundheitsminister Kurt Steyrer von der SPÖ. Dieses Verhältnis blieb schon seit Wochen unverändert. Das musste selbst SP-Zentralsekretär Peter Schieder bei einer Pressekonferenz bekannt geben. Aus den April-Wahlen freilich werde Steyrer doch als knapper Sieger hervorgehen, gab sich der Parteifunktionär vage zuversichtlich.
Ab dem 3.März 1986 hatte somit der bis dahin gemächliche Kampf um die Hofburg eine dramatische Verschärfung erfahren. Weitere Recherchen ergaben zweifelsfrei, dass der Jusstudent Waldheim am 1.April 1938, wenige Wochen nach dem „Anschluss“ ans Deutsche Reich, dem NS-Studentenbund beigetreten war (oder wurde). Am 18.November 1938 bildete sich die SA-Reiterstandarte 5/90, das war der 5.Sturm der Reiterstandarte 90.
Ein alltäglicher Fall, sollte man meinen, nicht der Rede wert. Dass daraus eine internationale Affäre gemacht werden sollte, konnte man vorerst nicht annehmen. Denn die Geheimdienste in aller Welt hatten mit Sicherheit die Kriegsvergangenheit Kurt Waldheims akribisch durchleuchtet und für unbedenklich befunden, bevor ihn die Vereinten Nationen 1972 zu ihrem Generalsekretär gewählt und ihn fünf Jahre später im Amte bestätigt hatten.
Aber der Haussegen in der kleinen österreichischen Innenpolitik hing längst schief. Die gegenseitigen Bosheiten zwischen SPÖ und oppositioneller Volkspartei füllten die Zeitungsspalten in den Februartagen des Jahres 1986; VP-Generalsekretär Michael Graff schürte das Feuer, wenn es zu verglimmen drohte. „Diese Regierung ist am Ende“, ließ er plakatieren und meinte damit die Kleine Koalition der Sozialisten mit den Freiheitlichen Norbert Stegers. Die SPÖ schlug zurück: „Mock & Graff – nein danke!“ lautete ihr Slogan. Was den scharfzüngigen Advokaten Graff wieder zur Attacke veranlasste, nur in der DDR würden Systemkritiker ähnlich mundtot wie hierzulande gemacht.
Die Nerven des Regierungschefs Fred Sinowatz, der gleichzeitig an vielen Fronten zu kämpfen hatte, waren jedenfalls aufs Höchste gereizt. Innerparteilich versuchte er, einen kleinen Brandherd auszutreten, aber das gelang auch nicht so recht: Die sozialistischen „Dissidenten“ Freda Meissner-Blau und Günther Nenning waren aus dem Gewerkschaftsbund hinausgeworfen worden (weil sie 1984 ganz offen gegen den Bau der Donau-Staustufe Hainburg agitiert hatten). Obendrein hatte man dafür gesorgt, dass sie nicht mehr als Moderatoren der TV-Sendung „Club2“ beschäftigt wurden. Das Schiedsgericht der Medien-Gewerkschaft verurteilte diese brutale Vorgangsweise – Sinowatz hatte nichts als Ärger im eigenen Haus. Und er hatte einen Kabinettschef, dem böse Zungen nachsagten, er mische in der aufkeimenden Waldheim-Sache deftig mit: Hans Pusch.
Sinowatz lässt die Dinge treiben
Der Schwarzbärtige wurde von der ÖVP-Opposition geradezu dämonisiert, dabei war er nur ein etwas grobschlächtiger PR-Mann, in den Sechzigerjahren noch bei der ÖVP. Bruno Kreisky, längst in Pension und unglücklich über den von ihm selbst auserwählten Nachfolger Sinowatz, hat Pusch der „Presse“ gegenüber als „bösen Geist“ bezeichnet. Und Juso-Obmann Alfred Gusenbauer sah Pusch als „ideologisch ungefestigten Drahtzieher im Hintergrund“. Aber Sinowatz hielt zu seinem unentbehrlichen Ratgeber.
Der Hofburg-Wahlkampf uferte nun zu einer Debatte über Kriegsvergangenheit, Mitschuld und Gedächtnislücken aus, die Österreichs Familien noch jahrelang beschäftigen sollte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2011)