Ihr Auftritt bei "Düsseldorf, wir kommen" füllte sogar Fußballeraugen mit Tränen: Nadine Beiler ließ den Favoriten Lukas Plöchl hinter sich. Durchschnittlich 818.000 Zuschauer sahen die ORF-Show.
Man könnte es dem guten Lukas Plöchl nicht verübeln, wenn er für das Musikgenre „Große, feierliche Ballade“ derzeit nicht nur freundliche Gefühle hegte, wenn er vielleicht gar mühlviertlerische Ausdrücke dafür fände, die man besser nicht ins Schriftdeutsche übersetzt . . .
Denn ihn hat dieses Genre nun schon zweimal einen allseits erwarteten Sieg gekostet. Zuerst bei der ORF-Show „Helden von morgen“, bei der er Zweiter nach Cornelia Mooswalder wurde, die sich auf nichts besser versteht als auf große, feierliche Balladen. Und nun bei der Selektion des österreichischen Beitrags für den Song Contest der Eurovision mit seinem Duo „Trackshittaz“ und dem Song „Oida taunz!“. Allseits als (zumindest) originell bewertet, wurde er Zweiter nach einer jungen Sängerin, der man Originalität wohl am wenigsten nachsagen würde.
Überlebensgroße Gefühle. Nadine Beiler, die Freitagnacht den Bewerb gewann, ist freilich eine liebreizende Erscheinung mit ihren großen Augen, mit ihrer frankophilen Pagenkopffrisur, mit ihrer Jungmädchenerscheinung, die auf den ersten Blick nicht ganz zum Gefühlsorkan zu passen scheint, den ihr der Song abverlangt. Dann aber doch: Denn diese Art von Balladen – von Beiler selbst als „klassische Soulballade“ beschrieben, die sich von a cappella bis zum großen Schlusschor entfaltet“ – hat es an sich, dass sie ihre Interpreten übermannt, überfordert, weil ja die Gefühle, die sie schildert, per definitionem überlebensgroß sind. Da ist es auch schon egal, ob man 20 oder 60 ist, wenn man sich ihnen stellt, es zählt nur die Stimme. Und die hat Nadine Beiler. Mit ihr hat sie bereits 2007 die ORF-Talenteshow „Starmania“ gewonnen. Danach war von ihr aber nicht viel zu hören gewesen.
Den Song „The Secret of Love“ hat ihr ein Urgestein des österreichischen Pop geschrieben: Thomas Rabitsch, 1956 in Wien geboren, war so ziemlich überall dabei. Er spielte die Keyboards bei Hallucination Company und Drahdiwaberl, leitete zehn Jahre die Live-Band von Falco. 1990 produzierte er das erste österreichische Hip-Hop-Album („The Moreaus“, u. a. mit Peter Kruder). Er spielte bei Hansi Langs „Slow Club“, hatte die musikalische Leitung der ORF-Shows „Starmania“ und „Dancing Stars“ inne.
Wenige haben den Sieg für Beiler und Rabitsch vorausgesehen. Nur Christoph Grissemann sagte in der „Tiroler Tageszeitung“: „Ich glaube ja, dass Nadine das Rennen machen wird. Die tritt mit einem Song von Thomas Rabitsch an, der gute Kontakte zum ORF hat. Und Nadine Beiler wird sich in die Herzen der Großmütter singen. Richard Klein wird's leider nicht werden.“ Dazu ist zu sagen, dass a) Beiler bei der ORF-Show u. a. auch den nicht sehr großmütterlichen Toni Polster zu Tränen rührte, Grissemann b) auch nicht über ganz schlechte Kontakte zum ORF verfügt und er c) seine Stellung als Moderator von „Willkommen Österreich“ mit Verve dafür verwendet hat, für Richard Klein zu werben. Dieser, im wirklichen Leben FM4-Mitarbeiter, war mit seiner Kabarettnummer – ein Postler, der sich als Inkarnation von Little Richard fühlt, ha, ha – der Tiefpunkt der Show „Düsseldorf, wir kommen“, vielleicht ex aequo mit Alkbottle, die ihren ohnehin schon lauen Prolo-Schmäh schlecht aufgewärmt haben.
Keine Freak-Show mehr. Die Klein-Parodie ist auch deshalb so dumm, weil der Song Contest sich in den letzten zehn Jahren gewandelt hat: von einer anachronistischen Freakshow, die mit der Hitparadenrealität nichts zu tun hatte, zum fröhlich-kompetitiven Mainstream-Pop-Theater mit Sympathie für Verhaltensauffälligkeiten. Plöchl hätte da gut hineingepasst, auch weil er – der in die ORF-Show auf dem Traktor und in Lederhose eingeritten kam – klug mit österreichischen Images zu spielen versteht. Nadine ist bei aller Sympathie deutlich verwechselbarer. Blamieren wird sie sich aber gewiss nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2011)