Begleitet von Malcolm Martineau gibt Christiane Karg im Brahms-Saal des Musikvereins einen Liederabend: Klug programmiert, hinreißend schön und differenziert gesungen.
Blumenlieder singt Christiane Karg (heute, Sonntag, noch einmal) im Brahmssaal des Wiener Musikvereins. Lieder über Blumen, doch keinesfalls blumige Lieder. Anspruchsvolle Vokalkompositionen bedeutender Meister hat die Künstlerin zu einem Strauß gebunden. Mit zwei hochkomplexen Stücken von Hugo Wolf hebt der Abend an: In den beiden „Christblumen“-Vertonungen wird gleich Christiane Kargs Kunst deutlich, Gesang als Mittel ungemein differenzierter Erzählkunst zu nutzen.
In manchen Passagen erinnert man sich gar an Arnold Schönbergs verzweifelte Versuche, seinen Interpreten die Kunst des „Sprechens auf fixierten Tonhöhen“ zu erläutern. Wenn eine Sängerin solchen Formats Hugo Wolf interpretiert, dann gelingt diese scheinbar so diffizile Gratwanderung, als wäre sie die selbstverständlichste Sache der Welt.
Welche Spannweite vokaler Kunst! Zum Abschluss ihres Programms wählt Karg einige Stücke französischer Provenienz, singt Fauré, Debussy und Poulenc – nicht minder eloquent und von ebenso perfekter Diktion wie im Deutschen, doch im musikalischen Stil einfühlsam von den zuvor erklingenden „Mädchenblumen“ von Richard Strauss geschieden: Der Hörer begreift, warum es im Französischen „Melodie“ heißt, sobald französische Komponisten am Werk waren; und warum man auch in Paris von einem Liedspricht, wenn es etwa um Franz Schuberts kostbare „Viola“ geht, die Karg und ihr exzellenter Partner Malcolm Martineau ins Zentrum des Abends rücken.
Frei über dem Instrumentalpart schwebende Linienführung dort, ganz aus dem Wort geborene, detailverliebte Modulation hier. Sie geht im harmonischen Gesamtkomplex auf und verdichtet sich – wie im Falle dieses langen Schubert-Gesangs – zum Miniaturdrama mit mehreren „Szenen“.
Christiane Karg findet den rechten Ton in jedem Repertoire. Angestachelt auch von Malcolm Martineaus subtil pointenreichem Spiel spürt sie den vielfältigen Nuancen der in Musik verwandelten Poesie nach und transportiert sie in einem intimen künstlerischen Akt zum gebannt lauschenden Publikum.
Musiktheater ohne Bühne. Als geradezu idealtypische Liedinterpretin baut Christiane Karg nicht nur einzelne Lieder dramaturgisch klug auf, sondern komponiert den gesamten Programmablauf raffiniert. Die Lieder sind in Charakter und Tonart feinsinnig aufeinander abgestimmt und zu wirkungsvollen Kontrasten geführt, ohne dass dabei die Grenzen kammermusikalischer Dezenz je gesprengt würden.
Effekt, aus der Stille geboren: Allein die atemberaubend spannungsgeladene Pause zwischen dem offenen Schluss von Schumanns „Schneeglöckchen“ (aus op. 96) und dem unbegleitet anhebenden „Röslein, Röslein“ (op. 89/6) ist ein Ereignis: Da wird mit den introvertierten Mitteln des Liedgesangs ohne Outrage Musiktheater ohne Bühne, ein Theater der Introspektion.
Nur zwei Mal führt Christiane Karg ihren Sopran im Laufe des Abends aus den tausendfach schattierten Pianissimo-Regionen in expressive Forte-Höhen: einmal geboren aus dem „Überdruss“, wie ihn Debussy mit Paul Verlaine besingt, und in der zweiten der Zugaben, Joseph Marx' „Und gestern hat er mir Rosen gebracht“, als leuchtende Emanation erfüllter Liebesfreude: Schöneres bekommt man nicht oft zu hören.
TIPP: Christiane Karg und Malcolm Martineau. Lieder von Wolf, Schumann, Schubert, Richard Strauss, Fauré, Debussy und Poulenc. Sonntag, Wiener Musikverein (19.30 Uhr).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2011)